Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Gelungene Inszenierung von Wolfgang Borcherts „Draußen vor der Tür“

Verzweiflung einer im Innersten tief verletzten Seele

Dem Zuspruch nicht gerade förderlich war am Faschings-Wochenende im Mainfranken Theater Würzburg die Premiere von Wolfgang Borcherts bekanntem Kriegsheimkehrer-Drama „Draußen vor der Tür“. Wer den Weg ins Große Haus nicht scheute, wusste zumeist aus seiner Schulzeit, was im Mittelpunkt dieses von Dirk Diekmann inszenierten Stationendramas steht: Die Trostlosigkeit und Verzweiflung einer im Innersten tief verletzten Seele, die Diekmann als Regisseur und Hauptdarsteller in einer Person mit einer unfassbaren Intensität auf die Bühne brachte.

Mantel des Schweigens zerrissen

Ein irrationales Bühnenbild mit endlos schräger Rampe, schief im Raum stehenden, nutzlosen Stühlen, wird beherrscht von im Schwarzlicht auf dem Boden intensiv blau leuchtenden Bändern. Sie geben dem an – und in – der Elbe verorteten Geschehen ohne Handlung nur scheinbar Struktur. Die nur in Umrissen gelb leuchtenden Birnen symbolisieren scheinbar offene Türen, sind mit den dehnbaren Bändern gleichzeitig die Stolpersteine für den geschundenen Beckmann, der in zerlumpten Armeeklamotten mit zerschossenem Knie und einer Gasmaskenbrille aus russischer Kriegsgefangenschaft in ein Hamburg zurückkehrt, das ihn nicht mehr kennt und aufnehmen will.

Unvermeidlich setzt ein über 70 Jahre altes Theaterstück Patina an. Es geht Borchert um die Empfindungen eines vom Gewissen geplagten Kriegsheimkehrers, der sich für den Tod von elf ihm unterstellten Kameraden bei Stalingrad verantwortlich fühlt; in einem von Verdrängungsmechanismen geprägten Nachkriegsdeutschland zerreißt er den Mantel des Schweigens mit suggestiven Wortwiederholungen und gelegentlichem Pathos.

Der Inszenierung gelingt ein erfrischend neuer Zugriff. Angesichts weltweiter Auseinandersetzungen und Terroranschläge schärft sie den Blick auf erneut aufkommende Tendenzen, die existenziellen Erfahrungen des Krieges und der Gefangenschaft zu verdrängen. Statt Beckmann wieder aufwachen zu lassen, um dann im finalen Aufschrei nach dem Sinn des Lebens zu fragen, interpretiert die Inszenierung das Stück als ein bruchstückhaftes Aufflackern von Erlebnissen im Moment des Ertrinkens in der Elbe; es sind Beckmanns Nahtoderfahrungen. Geglückt erscheint auch die Aufspaltung des „Anderen“ in einen Optimisten und Pessimisten, die Beckmanns alptraumhafte Erinnerungen kommentierend begleiten, bevor „nur ein paar kreisförmige Wellen beweisen, dass er mal da war.“ So lapidar kommentiert im Stück der Tod das banale Verschwinden des Beckmanns in der Elbe, die bei Borchert ihr Eigenleben entfaltet. Als „Andere“ verstärken Martin Liema und Cedric von Borries gleich in zweifacher Ausfertigung die Traumsequenzen, die sie nüchtern und ganz ohne Pathos mit einem Hauch von Satire beleben.

Meinolf Steiner verkörpert den Tod als ständig rülpsender, verfetteter Bestattungsunternehmer, der im Krieg Hochkonjunktur hat. Als Kabarett-Direktor lässt er sich von Beckmann, der sich als Anfänger um eine Anstellung bewirbt, etwas vorsingen; es wird ein deprimierendes Lied, das dem Direktor „nicht genug schillert“.

Ohne Skrupel

Die Idee zur Bewerbung kommt vom Oberst, dem ehemaligen Vorgesetzten, dem Beckmann die Verantwortung für die getöteten Untergebenen zurückgeben will. Georg Zeies trifft exakt den Tonfall eines Offiziers ohne Skrupel und den geringsten Anflug von Selbstzweifeln. Lange hallt dessen unverschämtes Auslachen der zerlumpten Gestalt nach. Verzichtbares Lokalkolorit verströmt „Giftnatter“ Frau Kramer (Barbara Schöller), die dem Heimkehrer den Eintritt ins Haus seiner verstorbenen Eltern verwehrt, die sich selbst „entnazifiziert“ haben. Bedauerlich findet sie nur das dabei verschwendete Gas.

Umso stärker werden Beckmanns Zweifel am Sinn des Lebens, den er vergeblich von Gott einfordert. Eberhard Peiker gibt der Figur eine anrührende Hilflosigkeit angesichts des Massensterbens, das Gott resignierend hinnimmt. Der Mensch ist Gott anscheinend ein Rätsel. Selbst die Zuneigung der von Hannah Walther gespielten jungen Kriegerwitwe, die Beckmann nass an der Elbe vorfindet, zärtlich „Fisch“ nennt und zu sich nach Hause nimmt, ist nur von kurzer Dauer. ferö