Kultur

Literatur Clemens J. Setz schreibt über obskure Gestalten, die den „Trost runder Dinge“ suchen – er tut dies in vollendeter Sprache

Viel Gefühl für schöne Sätze

Es lag in der Luft während des Ersten Weltkriegs (1914-18), dass ein junger Arzt in einer psychiatrischen Klinik glühend der Lehre von Sigmund Freud anhing. Die Praxis dann aber verlangte ihm anderes ab. Die Wiener Psychoanalyse erwies sich als „etwas für Städtebewohner einer bestimmten Schicht“. Der Krieg jedoch erzeugte ein abweichend geartetes Trauma, und mit dieser Klientel hatte sich Dr. Gehweyer zu beschäftigen. Zum Beispiel im Falle von Bernard Henri Conradi, den ihm Clemens J. Setz in seinem Erzählband in die Anstalt setzt.

Der war früher schon mal nackt durchs Dorf gelaufen, und bald hatte ihn eine schlimme Nervenkrise eingeholt. So hatte er nur kurz für den Krieg getaugt, nun prägt ihn vor allem Angst. Vor Frauen, draußen vorbeigehenden Menschen und den aus Achselhöhlen ausgestrahlten ekligen Botschaften. Und vor einer unheilvollen Sternbildkonstellation, die vor ihm noch keiner gesehen hatte. Beruhigt haben ihn dann weniger die Ärzte, sondern Pinsel und Stifte, mit denen er malte und so sein relatives Auskommen mit der Welt fand. Lange aber konnte das nicht gut gehen. Ein paar Jahrzehnte später ist er ein Gegenstand für Kunsthistoriker, deren Tun mit seiner fiktiven Gestalt der Autor voller Hintersinn nachzeichnet.

Abgedrehte Dialoge

Hintersinn, Tragikomik und ein Bewusstsein für schöne Sätze, bei deren Lektüre man dem Autor fast durchweg begeistert nahezu überall hin folgt, prägen die 20 Erzählungen im schon zwölften Buch des 36-jährigen Clemens J. Setz. Menschen haben sich darin neben der Spur eingekapselt in fixen Ideen, die dieser immer neu verblüffende und längst ordentlich mit Preisen dekorierte Autor aus Graz mit präzisen Detailbeobachtungen und daraus addierten ungewöhnlichen Deutungen plausibel macht. Ein obskures Personal tut durchgeknallte Dinge in diesen Lebens- und Verrücktheitsrekonstruktionen. Die meisten sind irgendwie krank und kommunizieren in abgedrehten Dialogen.

Über ihnen zieht ein souveräner Autor die Fäden, als würden sie sein Computerspiel bevölkern. Manchmal legt er auch autobiografische Fährten. Immer neu dringt er mit einer Sprache, die oft wie Musik ist und sich manchmal an sich selber berauscht, unter die Oberfläche seiner etwas anderen Protagonisten. „Ich stelle mir Unaussprechliches mit ihnen vor.“ Dann stehen sie jenseits der Norm mitten in den Plots wie auf einem Neo-Rauch-Gemälde.

Die meisten haben Stöpsel in den Ohren und halten ihre Köpfe gesenkt über ihre iPhones. Die Welt ist alles, was dort ankommt. So wächst ein „leicht übernatürliches Fernlenkgefühl“. Alles, wohin man gelangt (oder auch nicht), hat man vorher schon im Netz gesehen. Hier haben auch diejenigen ihre Problemlösungen gefunden, die es geschafft haben und jetzt ihr Leben durchjoggen. „Es war eigentlich ganz schön“, stellt nur ein Einziger mal fest, „ohne Handy spazieren zu gehen. Wie Leute in der Achtzigerjahren.“

Dabei widmet sich Clemens J. Setz Typen von der Basis, wenn er in einem Feuerwerk seine Ideen durchspielt. Sie sind Schulkrankenschwestern, alleinstehend, Pedell im Schulkeller, unbegleitet, Kellner und andere Dienstleister, sie sind gegen irgendwas, tanzen unbekleidet an der Stange oder sind anderweitig Außenseiter. Viele suchen unter der „Rolligkeit der Sonne“ Trost in runden Dingen. Infrage kommen Obst, schöne Kurven oder auch der Planet da oben. Doch Achtung: „Der Bio-Apfel schmeckte nach Fahrradgeschäft.“ Manche treiben Schabernack mit der Welt und freuen sich, was dabei herauskommt. Andere freuen sich nicht. Eine fremde Frau schreibt einer Zufallsbegegnung, wobei sie ihre Gedanken durch ein digitales Übersetzungswerkzeug gejagt hat. Das ist zum Schreien komisch. Manch Weiteres ebenfalls.

Anderes ist eher traurig. Etwa wenn Michael Zweigl seine Angst und seine „elementare Kenterneigung der Seele“ auf seine Söhne überträgt. Oder wenn sich eine fragile Liebesgeschichte mit einer Blinden entwickelt, die einfach nicht weiß, dass einer ihre Wohnung mit Obszönitäten vollgekritzelt hat. Oder, oder, oder … Diese Texte haben einen soghaften Sound, ob man will oder nicht.