Kultur

Presseschau Das schreiben Medien über die Uraufführung „Siegfrieds Erben“ bei den Wormser Nibelungen-Festspielen in der Regie von Roger Vontobel

„Viel gewagt – und viel gewonnen“

Archivartikel

„Siegfrieds Erben“ habe ein bisschen was von „Make Nibelungen-Festspiele great again“ (zu Deutsch etwa: Mache die Nibelungenfestspiele wieder groß und bedeutend) – so bewertet die Tageszeitung „Die Welt“ die bei den Nibelungenfestspielen uraufgeführte Fortsetzung des Mythos. Die Autoren Feridun Zaimoglu und Günter Senkel hätten eindrucksvoll bewiesen, was man aus der „Sage noch so alles herausholen“ könne. „Hauptdarsteller der Herzen“ sei der Mongole Enkhjargal Dandarvaanchig, der im Eskimokostüm mit seinem stimmgewaltigen Kehlkopfgesang „jedes Orchester überflüssig“ mache. Besonders hebt sie Kritik die Leistung Felix Rechs hervor, der den Dietrich von der Bern spielt und erst vor wenigen Tagen am Blinddarm operiert wurde. Siegfrieds Sohn Gunther sei dagegen „keine gute Rolle“ für Jimi Blue Ochsenknecht, der wirke, „als habe man einem Schulbuben ein mittelalterliches Gedicht in die Hand gedrückt“.

Der Deutschlandfunk ist deutlich weniger euphorisch: „Sommertheater par excellence“ (also mustergültiges Sommertheater) mit „viel Blut und wenig Tiefgang“, das trotz großer Besetzung „nichts Rechtes“ werde. Jürgen Prochnow, der den Hunnenkönig Etzel spielt, gebe „den aufgeklärten harten Hund“. Etzel stehe zwar „partiell für Recep Erdogan“, das Stück verpasse aber die Chance, „den Zusammenstoß westlicher und östlicher Kultur und Religion theatralisch zu diskutieren“. Ob die „bundesrepublikanische Elite“, die der Premiere beiwohnte, deshalb daraus etwas lerne, bleibe ungewiss.

Dagegen ist Volker Oesterreich („Rhein-Neckar-Zeitung“) voll des Lobes und nennt die Inszenierung einen „großen, freilichtbühnentauglichen Wurf“ mit Wucht, Würde und Witz. Roger Vontobel habe mit ihr „viel gewagt – und viel gewonnen“. Das sei eine „rühmliche Ausnahme“ zu der „plumpen Effekthascherei“, der in früheren Jahren allzu oft Vorschub geleistet wurde. Der Kritiker lobt ein „stimmiges Ensemble“, die „Lichtmagie“ und „altertümelnd erhaben(e)“ Sprache und einen Hunnenkönig, der an Hamlet erinnere.

Die „Süddeutsche Zeitung“ urteilt abwägend: Prochnow mache zwar als ein über den christlichen Glauben sinnierender Etzel eine gute Figur, allerdings nehme man ihm „den ruchlos brutalen Kerl“, der er in dem Stück auch ist, nicht richtig ab. Insgesamt sei das Werk „effektsicheres Cinemascope-Theater“. Bühnenbildner Palle Steen Christensen wisse, wie er die naturgegebene Kulisse des Wormser Doms zur Wirkung bringe. Das trage zur „zugkräftigen Theatralik und zum Schauwert der Inszenierung“ bei. „Ein toller Effekt“ seien die Projektionen (sogenanntes Videomapping) an der Fassade des Wormser Doms.

Sprachliche Inkonsistenz

Auch „Die Rheinpfalz“ schwärmt von der „überwältigenden, optischen Täuschung“. Sprachlich vermisst sie jedoch Konsistenz: Zaimoglu und Senkel hätten sich „dem mittelalterlichen Idiom der Nibelungen angenähert“. Allerdings wirke es befremdlich, wenn „die Figuren aus dieser Sprachebene herausfallen“. So etwa bei einem „komödiantischen Zwiegespräch“ Siegmunds und Sieglindes, das „angesichts des dräuenden Unheils“ deplatziert wirke. Auch übersteuerten die kleinen, am Kopf der Darsteller befestigten Mikrofone (sogenannte Mikroports) bei „besonders turbulenten Szenen mit großem Geschrei“.

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