Kultur

Europas Kulturhauptstadt 2025 Jury entscheidet sich für Chemnitz als deutschen Repräsentanten / Slowenien benennt Partnerstadt im Dezember

Viel mehr als nur Grau oder Braun

Archivartikel

Chemnitz ist Europäische Kulturhauptstadt 2025. Dabei galt die Stadt lange als eine Art Aschenputtel unter den Großstädten. Auch die Chemnitzer selbst wertschätzten „ihr“ Chemnitz eher selten. „Aber wenn die Chemnitzer jetzt unterwegs sind, dann können sie mit einem Lächeln sagen, wo sie herkommen: Wir kommen aus Chemnitz, aus der Kulturhauptstadt Europas 2025“, sagte Oberbürgermeisterin Barbara Ludwig (SPD) nach Bekanntgabe der Jury-Empfehlung. Damit haben Hannover, Hildesheim, Magdeburg und Nürnberg das Nachsehen. Die zweite Europäische Kulturhauptstadt 2025 stellt Slowenien. Die Entscheidung soll im Dezember verkündet werden.

Mehr als drei Jahre lang arbeitete ein Team an der Bewerbung. Stück für Stück sei es gelungen, Vereine und hunderte Menschen ins Boot zu holen. „Am Ende haben wir es geschafft, einen Großteil der Stadtgesellschaft mitzunehmen“, sagte Jenny Zichner vom Bewerbungsteam am Mittwoch. Dass Chemnitz Kulturhauptstadt werden wollte, hätten viele zunächst belächelt. „Leipzig, Dresden, aber doch nicht Chemnitz! Das war hier lange die Meinung.“

Rechtsextreme Ausschreitungen

Dabei gehörte Chemnitz Ende des 19. Jahrhunderts zu den reichsten Städten, galt als „sächsisches Manchester“. Doch im Zweiten Weltkrieg wurde die Stadt schwer zerstört. Selbst wenn man in den Jahren nach der Wende hierher kam, konnte man noch riesige Freiflächen sehen – ein Erbe der Zerstörung.

Die wechselvolle Geschichte lässt sich auch am Namen ablesen. Im Mai 1953 hatte man Chemnitz in Karl-Marx-Stadt umbenannt. Dabei hatte der Philosoph nie einen Fuß in die Stadt gesetzt. Nach dem Fall der Mauer entschieden sich drei Viertel der Bürger für den ursprünglichen Namen.

Der einstige Namensgeber gehört inzwischen dennoch zum Inventar: Der „Nischel“, wie die Chemnitzer das 40 Tonnen schwere und gut sieben Meter hohe Denkmal nennen, ist zentraler Treffpunkt – und ging 2018 als Bild um die Welt, das sich ins Bewusstsein eingebrannt hat: mit Neonazis und Hitlergruß.

Nach einer tödlichen Messerattacke auf einen Mann, für die ein junger Syrer eine lange Haftstrafe erhielt, kam es tagelang zu Ausschreitungen Rechtsextremer. Der Kulturhauptstadt-Titel sei auch deshalb wichtig, um zu zeigen, dass Chemnitz mehr sei als diese Bilder von vor zwei Jahren, betont Ludwig.

Neonazi-Problem mit eingebracht

Das Thema in die Bewerbung einzubringen, war eine Empfehlung der Jury, kostete die Chemnitzer auch Mut. Unter der Überschrift „Chemnitz ist weder grau noch braun“ entstanden viele Projekte, aktives Mittun und nicht nur große Künstlernamen – mit seinem Macher-Ansatz lag Chemnitz goldrichtig. Nach dem Jubel muss die Party coronabedingt zwar ausfallen, aber: Im kleinen Kreis sollte am Abend auf dem Theaterplatz Beethovens „Ode an die Freude“ gesungen werden. 

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