Kultur

Theater Im Mannheimer TiG 7 ist ein "Hungerhaus" zu erleben

Vielstimmige Nahrungssuche

Archivartikel

Hunger kann unersättlich und voller Widersprüche sein - weil der Mensch zum Leben Nahrung braucht, aber von Brot allein nicht zu leben vermag. Diesem Phänomen nähert sich das Mannheimer TiG 7 in einem "Hungerhaus", wo Zuschauer keineswegs darben: Ein theatralischer Parcours mit sieben Zimmern "speist" die ungewöhnliche Uraufführung als Auftakt der neuen Spielzeit.

Das spartenverbindende Projekt, das 25 lokale, regionale und internationale Autoren, Performer, Regisseure, Figurenspieler, Klangspezialisten sowie Tänzer und Schauspieler vereint, haben die künstlerischen Leiter der Spielstätte, Inka Neubert und Bernd Mand, gemeinsam mit Peter Klein entwickelt. Als die Teams vor sechs Wochen begannen, ihre unterschiedlichen Räume einzurichten, da hatten sie bereits Monate zuvor an ihren Installationen getüftelt.

In üppigen Kreuzstichen prangt der Titel " Das Hungerhaus" auf dem nostalgisch anmutenden Programmfaltblatt und signalisiert auch optisch Diskrepanzen: Hunger als Mangel. Hunger nach Miteinander. Hunger als Machtinstrument. Hunger nach Modelmaßen. Hunger als Motor. Das Spannungsfeld, das sich in Körper wie Seele entlädt, erleben, ja, spüren Zuschauer in zwei kleinen (um eine Stunde versetzten) Gruppen - mal stehend, dann wieder sitzend, auch mal knieend.

Wunderbare Spielerin

Welch asketische Allmachtsfantasien wohl jenen auf der Hofmauer tanzenden Silber-Mann beflügeln, der seinem Leib kein Gramm zu viel gönnt? Hingegen artet das Superangebot im Supermarkt zum Superentscheidungsstress aus. Und wenn 22 Münder vor 22 Waagen auf schönheitshungrige Zwillingsfrauen treffen, kann so manch eine Antwort auf kecke Fragen schon mal im Hals stecken bleiben - auch weil der staunende Betrachter rätselt, wie die Zuckerwatte köstlich bauschig auf den Reifrock gekommen ist.

Kühe haben keine Mühe beim Verdauen, wohl aber Menschen beim Wiederkäuen kollektiver Essenserfahrungen. Skurrile "Sahne" voller Sehnsüchte serviert in einem Baukasten-Biotop eine wunderbare Figurenspielerin. Danach geht's zur unheilvollen Heilanstalt, in der nur noch kriegswichtige Insassen ausreichend Nahrung bekommen: Die Szene liegt deshalb schwer im Magen, weil sie keine Fiktion ist.

Peinigende Löffel

Bei der letzten Station kann sich der Zuschauer immerhin damit beruhigen, dass laut Buddhismus nur Habgierige in ewigen Hunger und Durst wiedergeboren und (entsprechend der Installation) von herunter prasselnden Silberlöffeln gepeinigt werden. Bekanntlich verderben viele Köche den Brei - was aber nicht für die sieben künstlerischen Teams gilt, die alles andere als theatralische Einheitskost auftischen.