Kultur

Heidelberger Frühling II Igor Levit und das Tonhalle-Orchester

Virtuose Klangwucht trifft auf das Flüstern des Dichters

Igor Levit kennt sich gut mit Lobeshymnen aus, er wurde ja bekanntlich schon vor dem Klavierexamen bei den großen Pianisten des noch ziemlich jungen 21. Jahrhunderts einsortiert. Was damals vorschnell war. Nach seiner fulminanten Aufführung des ersten Brahms-Konzerts beim Heidelberger Frühling werden solche Hymnen allerdings nicht leiser werden – obgleich Levit hier, vom Züricher Tonhalle-Orchester machtvoll unterstützt, die Weisheit hat, nicht alles anders als die Anderen erledigen zu wollen. Sondern „nur“ ein bisschen besser.

Sensibel trotz hohen Tempos

Den Koloss von Brahms-Konzert packt er mit straffem Zügel an, die Tempi sind – sagen das Gefühl und die Stoppuhr – nicht eben zögerlich. Mit virtuosen Mitteln arbeiten der Komponist und Levit an der Abschaffung des hergebrachten Virtuosentums. Meißeln sinfonische Architekturen, aber geben diesen eine hochsensible Innenausstattung. Dennoch wirkt alles wie aus einem Guss, sogar im ausladenden Kopfsatz. In den Synkopierungen des Schlussrondos spuckt Levits Flügel flüssiges Metall, doch im Adagio sind die Töne teilweise mit Wachs versiegelt, dicht am Rande des noch Hörbaren. Und diese Atmosphäre überträgt der Pianist auch auf die Schumann-Zugabe: Der Dichter spricht. Im Grunde flüstert er. Das ist bei echten Dichtern so.

In Elgars „Enigma“-Variationen s setzt Lionel Bringuier, der Chef des Tonhalle-Orchesters, auf orchestralen Wirbel. Manchmal fehlt das Gravitätische, und bei der Ausleuchtung des vielfarbigen Orchestersatzes führt das Züricher Orchester keine Wunderdinge vor. Doch zuverlässiger als jede Schweizer Bank spielt es natürlich schon. HGF