Kultur

Jazz Gitarrist Eugene Chadbourne im Studio der Alten Feuerwache in Mannheim

Virtuose mit Erfindergeist

Archivartikel

„Freigeist“ und „Abenteurer“ sind zwei gute Ausdrücke, wenn man sich dem Phänomen Eugene Chadbourne nähern will. Mit kauziger, eigenwilliger Souveränität lässt er die Banjosaiten im Studio der Alten Feuerwache Mannheim über eine Bluegrass-Klangwiese galoppieren.

Die Töne purzeln, stolpern, schlagen Kapriolen, scharren und sägen, fläzen sich in der Sonne. Dann tritt er ans Mikrofon, um „Creep“ zu singen – einen Song, den Popliebhaber als Single der Girl Group TLC in Erinnerung haben mögen, Rock-Freunde vielleicht eher aus der Coverversion der Band Afghan Whigs. Mit beiden hat Chadbournes Interpretation wenig gemein, aber sie zeigt die bewundernswerte Unerschrockenheit und Selbstverständlichkeit, mit der der US-amerikanische Experimental-Gitarrist, Banjospieler und Komponist über Genregrenzen hinwegfegt.

Seit den 70er Jahren hat sich der heute 64-Jährige vom Blues über Country und Bluegrass weiter zu Free-Jazz und Noise Rock mit den verschiedensten Stilistiken befasst und dabei mit Jazz- und Avantgarde-Größen wie Carla Bley, John Zorn und Toshinori Kondo oder Punk- und Alternative-Experten wie Jello Biafra, Turbonegro und Camper Van Beethoven zusammengearbeitet.

Erfinder des elektrischen Rechens

Nebenbei hat „Doc Chad“ eigentümliche Instrumente entwickelt: „Der elektrische Rechen begann als ein Witz“, verriet er im Interview mit dieser Zeitung (wir berichteten am Dienstag, 25. September), „aber wurde ziemlich populär beim Shockabilly-Publikum. Das war in den 80ern meine Band.“ Derlei Kuriositäten hat er an diesem Abend nicht dabei. Dafür seine elektrische Dobro-Gitarre, die er mit voller Verzerrer-Intensität zum Einsatz bringt. Darüber gewinnen Songs wie „Shapes of Things“ von The Yardbirds oder Eddie Cochrans „Summertime Blues“ eine Garagenwand-sprengende Noise-Rock-Wucht, die in starkem Kontrast zu Balladen und ruhigeren (Country-)Stücken wie „Rehearsals for Retirement“ von Phil Ochs, „Drive On“ von Johnny Cash oder Chadbournes eigenem, brillantem Gesangsstück „The Old Piano“ stehen. Intensiv, unvergleichlich dieses Konzert.