Kultur

Oper „Liebestrank“ im Nationaltheater

Virus des Belcanto

Der Tenor Antonio Poli ist besonders spät für diesen Donizetti-„Liebestrank“ verpflichtet worden (für den krank gewordenen René Barbera). Aber wirkt besonders heimisch in der Nationaltheater-Inszenierung von Andrea Schwalbach. Fast, als sei er immer schon dabei gewesen. Das sind Fähigkeiten, die im heutigen Musikbetrieb von großem Nutzen sind und es ermöglichen, dass der als „festlich“ deklarierte Opernabend seinem Namen weitgehend gerecht wird. Gleich in seiner ersten Szene strömt Antonio Polis Stimme in der Hauptrolle des Nemorino völlig frei und unbelastet von der Rampe.

Poli, aus dem mittelitalienischen Viterbo stammend, spricht mit dem Belcanto seine Muttersprache. Da gibt es nichts Aufgesetztes, alles strahlt Natürlichkeit und unverstellte Musikalität aus. Und ist dennoch kunstfertig, wie sich in seinem Greatest Hit „Una furtiva lagrima“ erweist, dieser elegischen Romanze in b-Moll, die der Tenor in Farbe und Dynamik sorgsam abschattiert. Die Süße ist mit einem feinen Überzug aus Bitternis versehen.

Starke Bühnenausstrahlung

Valentina Nafornita, der zweite Gast des Abends (lange an der Wiener Staatsoper zu Hause), fällt dagegen als Adina fast ein bisschen ab: weil hauptsächlich im ersten Akt ein etwas herber Zug in ihrer Stimme ist, ein leichtes Tremolieren. Doch das bessert sich, die Spitzentöne sitzen ohnehin – und die gebürtige Moldawierin hat fraglos eine starke Bühnenausstrahlung.

Mit einer solchen geizen auch die Nationaltheater-Kräfte keineswegs: Nikola Diskic als Sergeant Belcore kultiviert ein kunstvoll tumbes Machotum, Bartosz Urbanowicz als Dulcamara einen Hochstapler mit Stil und Martiniana Antonie eine aufgedrehte Dorf-Grazie. Das „Volk“ ist in der Inszenierung rothaarig, sein Gen-Pool begrenzt. Der Chor hat unter Dani Juris musikalisch-szenische Integrationskraft, und der Dirigent Mark Rohde schleppt den Virus des Belcanto auch in den Orchestergraben ein. HGF

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