Kultur

Visionäres Potenzial

Archivartikel

Beethovens Musik setzt Maßstäbe. Sie stellt unverrückbare Prüfsteine auf, an denen man sich als Hörer wie als Interpret messen lassen muss. Wer immer sich beispielsweise an Beethovens Klaviersonaten versucht hat, wird bestätigen können: Damit wird man ein Leben lang nicht fertig. Nie wird man sagen können: Jetzt habe ich es geschafft. Stets bleibt ein Rest an Herausforderung – technisch, musikalisch, ästhetisch. Dürfte das für anspruchsvolle Musik generell gelten, so für Beethoven doch im Besonderen. Woran mag das liegen?

Meine These: Es ist das visionäre Potenzial in Beethovens Musik, das über jeden Moment hinausweist. Das uns beim Spielen und Hören seiner Werke mitnimmt in luftige Höhen und unbegrenzte Weiten – und das uns unsere Begrenztheit zugleich vor Augen führt. Wir kommen nie an. Wir sind unterwegs zu etwas, das uns diese Musik verspricht. Worin liegt dieses Versprechen? Für mich enthält es die Vorstellung eines Menschseins, das sich wahrscheinlich nie realisieren lassen wird, um das wir uns aber mit dem Besten, das wir haben, bemühen sollten.

Geistige Freiheit

Neben diesem ethisch-humanistischen Aspekt hat Beethovens Musik auch eine psychologische Komponente: Sie bringt uns zurecht. Männliche und weibliche Anteile unseres Wesens kommen verlässlich ins Gleichgewicht. Heroisches Auftrumpfen und lyrisches Besinnen befinden sich in harmonischer Ausgewogenheit. Vor der „Pathétique“ verstummt jede Gender-Debatte. Ich höre diese Musik aber auch als Ausdruck einer geistigen Freiheit, als Bestätigung des freien Willens. Richard Wagner zufolge soll sich Beethoven als Sieger empfunden haben, der wusste, „dass er der Welt nur als freier Mann anzugehören habe“.

Gleichzeitig ist Beethovens Musik nicht pathetisch – sie ist vielmehr erhaben. In ihr pulsiert das Versprechen eines die niederen Instinkte in ihre Schranken weisenden Lebensideals. Richard Wagner selbst schreibt Beethovens Musik eine quasi-religiöse Bedeutung zu, indem er ihr die „Befreiung von aller Schuld“ als heilende Wirkung attestiert. Nach einem Konzert mit Beethoven-Musik geht man ermutigt nach Hause. Von der unsterblichen Hoffnung erfüllt, noch könne alles gut werden.

Uwe Rauschelbach schreibt für das Kulturressort und ist Redakteur beim „Südhessen Morgen“ in Lampertheim. In der Kolumne „Mein Beethoven“ schreiben anlässlich seines 250. Geburtstages das ganze Jahr über Menschen über ihr Verhältnis zum Komponisten.

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