Kultur

Clingenburg Festspiele Jugendstück „Tschick“ feierte eine gelungene Premiere

Voller Tempo, Witz und Tiefgang zugleich

Fünf Menschen, eine Tafel, ein paar altmodische Schulbänke und ein alter Lada, der weiß qualmend auf die Bühne fährt. Fertig sind die Hauptzutaten für das Jugendstück „Tschick“, das unter dem neuen Intendanten Wolfgang Hofmann Premiere feierte. Und feiern ist der richtige Ausdruck: Denn auf der Bühne wird es 90 durchgespielte Minuten lang keine Sekunde langweilig. Regisseur Oliver Pauli ist es gelungen, aus der Bühnenfassung von Robert Koall nach dem Roman von Wolfgang Herrndorf eine kreative Sause zu machen, voller Witz und Tiefgang zugleich.

Die Zuschauer folgen atemlos den Schauspielern, die über die Bühne fegen, die Ruine der Clingenburg erklettern und erklimmen, auch mal die Ränge mit einbeziehen. Die Sprache ist jugendlich derb, direkt, dennoch poetisch, philosophisch, geht ans Gemüt, schockiert, alles zugleich. Kaum ein anderes modernes Stück dürfte besser geeignet sein, um Jugendliche ab zwölf Jahren aus der virtuellen Welt ins analoge Theater zu holen. Am Ende holt es die Zuschauer ohne zu zögern von den Sitzen. Es gibt lange Beifall im Stehen gespendet jede Menge Diskussionsstoff auf dem Nachhauseweg.

Kreative Kniffe

Dafür sorgen neben der schauspielerischen Leistung und der unbändigen Spiellust der fünf Akteure die vielen kreativen Kniffe, die Regisseur Oliver Pauli in den Stoff um die Ferienfreundschaft zwischen zwei 14-jährigen Gymnasiasten aus Berlin, Maik Klingenberg aus vermeintlich gutem Haus (gespielt von Victor Nilsson) und dem Russlanddeutschen Tschick (Sasha Bornemann) einbaut. Oliver Pauli stellt ein paar Szenen aus der Originalfassung um und lässt das Ganze wie ein gespieltes Referat ablaufen.

Nach der Pleite mit seinem „schamlosen“ Aufsatz zu Schulbeginn des letzten Schuljahres, O-Ton Lehrer, in dem er der Klasse 8c von den ziemlich zerrütteten Zuständen im „gut bürgerlichen“ Elternhaus mit Swimming Pool und alkoholkranker Mutter erzählt hat, beschreibt Maik jetzt der 9c den gerade erlebten „besten Sommer meines Lebens“. . .

Nicht eingeladen zur Sommerfete von Tatjana, die „einfach super Porno“ aussieht, und in die Maik unsterblich verliebt ist, machen sich „Langweiler“ Maik und der „Assi“ Tschick, von dem niemand so recht weiß, wo er wirklich herkommt, in einem geklauten Lada auf in Richtung Walachei, aus der angeblich Tschicks Großvater stammt. Ohne Führerschein und mit einer ausgeleierten Richard-Clayderman-Kassette – einer „Steinzeit-MP3“ – steuern sie meist nicht schneller als mit Tempo 30 durch die hochsommerliche brandenburgische Provinz und begegnen skurrilen Menschen, darunter auch Isa (Laura Bleimund, die wie ein Chamäleon in die diversesten Rollen schlüpft). Verwahrlost lebt sie auf einer Müllkippe und schließt sich den beiden eine Zeitlang an.

Derbe Sprüche sind ihre Welt, aber hinter all den „Spastis“, „Pennern“ und „Kanaken“, als die sie ihre neuen Freunde bezeichnet, verbirgt sich ein guter Kern. Maik und Isa verlieben sich, und alle drei beschließen, in 50 Jahren wieder hierher zu kommen, um ihre Freundschaft zu besiegeln. Isa leiht sich 30 Euro von Maik und verschwindet. Letztlich endet der irre Road-Trip, wie er enden muss: vor Gericht. Denn durch die Kollision mit einem Schweinelaster auf der Autobahn kommt alles raus.

Freiheit zu verspüren

Soweit die Geschichte, deren Ende noch eine ganz andere, absurde, aber auch romantische Wendung nimmt. Auf der Naturbühne der Clingenburg lässt sich die Freiheit, die durch die Szenen weht, noch besser spüren. Gestützt und geschürt wird das gespielte Referat von den vielen kleinen kreativen Einfällen von Regie und Bühnenbild (Oliver Pauli und Esther Bätschmann). Das Klassenzimmer ist immer Teil der Requisite, die Tafel dient auch als schnell gemalter Sternenhimmel oder gedeckter Tisch, die Schulbänke werden aufgetürmt zu einer Müllhalde, Lineale werden zu Scheibenwischern.

Die Schauspieler, bis auf Maik und Tschick, wechseln blitzschnell die Rollen. Stephanie Meisenzahl, die aus Miltenberg stammt, als Maiks Mutter ist unter anderem auch schwangere Provinzfrau, Brombeerhecke oder Sprachtherapeutin.

Markus Rührer mimt den unsympathischen autoritären Vater von Maik ebenso wie Lehrer, Kriegsveteran und Richter. In der Mitte all dessen ruht und manchmal stinkt der schwarz besprühte Lada als Symbol für Altes und Aufbruch ins Abenteuer zugleich.

Die unverblümte Jugendsprache Herrndorfs setzt der temporeichen Inszenierung rund ums Erwachsenwerden das i-Tüpfelchen auf und garantiert, dass „Tschick“ die anspricht, auf die es zielt: junge Menschen. Aber darüber hinaus auch alle anderen Altersgruppen.

Weitere Aufführungen des Jugendstücks „Tschick“ sind am 26. Juni um 10 Uhr, 1. Juli um 10 Uhr, 3. Juli um 20 Uhr, 9. Juli um 20 Uhr und am 24. Juli um 10 Uhr.

In diesem Festspielsommer stehen noch auf dem Programm: „Sams – Eine Woche voller Samstage“, Theater für Kinder, Premiere am 16. Juni um 15 Uhr; „Shakespeare in Love“, Premiere am 19. Juli um 20 Uhr. Gastspiele: „The Beatles Revival Band“ am 24. Juni um 19 Uhr und „Echoes, Barefoot to the Moon, An Acoustic Tribute Band to Pink Floyd“ am 31. Juli und 5. August, jeweils um 19 Uhr.

Weitere Informationen sind auf der Homepage unter www.clingenburg-festspiele.de nachzulesen.