Kultur

Tanz William Forsythe bereitet einen berauschenden Abend

Vom Spiel der Formen im Raum

Archivartikel

Ab und zu durchbricht Vogelgezwitscher die Stille. Ein Paar tanzt in einfachen schwarzen Trainingskleidern und in Socken. Aber über ihre Hände und bis hoch über die Ellbogen gezogen tragen sie weiße Handschuhe. Sie drehen und wenden sich leicht, als wären sie in ein kleines höfisches Tänzchen verstrickt. Aber als tanzende Akteure bleiben sie ganz bei sich, völlig konzentriert auf ihr eigenes Tun. Nur ihre weißen Hände und Arme, die sich strahlend von allen anderen dunklen Flächen abheben, führen da eine Art affektiertes Eigenleben.

Bald erscheinen sie als weit in den Raum geführte Linien, bald krümmen sie sich zu barocken Bögen, bald verstricken sie sich ineinander. Und obwohl sich die Hände den geraden Linien widersetzen wie das Vogelgezwitscher der Stille, führen sie das dem Tanz Eigene vor: Ein Körperspiel mit Formen im Raum.

Neue Richtung aufgezeigt

„Old stars – New Moves“ ist ein Format des Unterwegstheaters in Heidelberg. Sein Schwerpunkt liegt auf Persönlichkeiten, die Tanzgeschichte geschrieben haben. William Forsythe, gebürtiger Amerikaner und zwei Jahrzehnte lang Direktor des Frankfurter Balletts, hat durch sein choreographisches Schaffen seit den 1980er Jahren dem Tanztheater eine neue Richtung aufgezeigt. Sie beeinflusst das Ballett bis heute. „A quiet evening of dance“, seine jetzt in der Heidelberger Hebelhalle präsentierte Choreographie, greift auf frühere, jetzt erweiterte Arbeiten zurück und kombiniert sie mit neuem Material.

Dafür hat Forsythe einen Künstler aus der Hip-Hop-Szene sowie sechs ehemalige Tänzerinnen und Tänzer aus seiner früheren Kompanie zusammengebracht. Sie alle haben sein spezielles Tanzvokabular verinnerlicht und zeigen eine brillante Schau seines Universums. Dabei versteht sich „der ruhige Tanzabend“ eher ironisch.

Denn was in der Stille beginnt, zeigt sich als Bewegungsspiel mit Versatzstücken aus dem höfischen Tanz von Ludwig XIV. Sprengt diesen aber in alle Richtungen auf, ohne ihn jemals als Blickpunkt zu verlieren – und ist als Ganzes so genial komplex wie das Zwitschern eines Vogels.