Kultur

Geschichte Freiburger Historiker Jörn Leonhard entwirft ein großartiges Panorama der Zeit nach dem Ersten Weltkrieg / Entwicklung zu Hitler keineswegs zwangsläufig

Vom Traumland des Waffenstillstands

Jörn Leonhard handelt sein Thema selten kurz ab. Das aktuelle Buch des Freiburger Historikers „Der überforderte Frieden“, das sich mit dem Vertrag von Versailles und der Nachkriegsentwicklung von 1918 bis 1923 beschäftigt, bringt es auf 1531 Seiten. Es schließt direkt an den Vorgänger „Die Büchse der Pandora. Geschichte des Ersten Weltkriegs“ (1157 Seiten) an, der – in Fachkreisen hoch gelobt – bereits in fünfter Auflage vorliegt.

Nun also die unmittelbare Nachkriegsphase. Den Schwerpunkt legt Leonhard auf das Krisenjahr 1919 – allein dieser Teil umfasst mehr als 1000 Seiten. Er liefert gleichsam die Globalgeschichte einer Zeitenwende. Es geht um hohe Erwartungen bis kurz vor Kriegsende, die sich anschließenden Revolutionen, die rückkehrenden Soldaten und die sich daraus ergebende „demobilisierte Gesellschaft“ sowie die Pariser Friedenskonferenz. Nur die Kapitel X und XI befassen sich mit den Friedensverträgen, die noch bis 1923 abgeschlossen wurden, und dem – wie man aber erst in der Rückschau erkennen kann – vergeblichen Ringen um eine tragfähige Nachkriegsordnung. Dabei ist die Zahl der Schauplätze und der Protagonisten dermaßen groß, dass es sich auch lohnt, nur bestimmte Abschnitte zu lesen.

Kafkas persönliche Erfahrungen

Für einen wissenschaftlichen Kollegen mag es interessant sein, wie sich im Detail der fundamentale Epochenwandel in bestimmten Regionen Europas oder des Nahen Ostens abgespielt hat. Für den interessierten Laien sind da die schlaglichtartigen, ganz persönlichen Erfahrungen hilfreicher, die einige Personen wie etwa Franz Kafka gemacht haben. Der Schriftsteller erkrankte am 14. Oktober 1918 in Prag an einer schweren Grippe. Als er – zwei Wochen später – das Gröbste überstanden hatte, war aus dem ehemaligen k.u.k.-Untertan der Bürger eines neuen tschechoslowakischen Staates geworden. Mit allen Hoffnungen einer Nachkriegsphase, die Ernst Troeltsch, Theologieprofessor aus Heidelberg, „Traumland der Waffenstillstandsperiode“ genannt hat.

Und das schon 1919. Gemeint waren damit die hochfliegenden Erwartungen an die Friedenskonferenzen in Paris auf der einen Seite, und die gravierenden Differenzen zwischen den Annahmen in der französischen Hauptstadt und den Realitäten vor Ort auf der anderen. So schuf allein die territoriale Neuordnung von vier untergegangenen Imperien (Deutschland, Österreich/Ungarn, Russland, Osmanisches Reich) neue Staaten zum Beispiel auf dem Balkan, deren aktuelle, teils gewaltsame Grenzziehung bei den Verhandlungen in Paris kaum jemand kannte. Die unvermeidliche Folge waren ethnische Minderheiten in vielen Staaten – und damit verbunden Flucht und Vertreibung.

Die langen Linien dieser Entwicklung prägten das gesamte 20. Jahrhundert, und teils erleben wir sie – gerade auf dem Balkan, aber auch in Nahost – bis heute. Noch vor wenigen Tagen überschrieb die Neue Zürcher Zeitung einen Beitrag mit der Schlagzeile „100 Jahre Jugoslawien: Ein Geburtstag, den niemand feiern will“.

Es gab damals aber auch Stimmen wie die des britischen Schriftstellers Siegfried Sassoon. Dieser vertraute bereits am 6. November, fünf Tage vor Unterzeichnung des Waffenstillstandsabkommens in Compiègne, seinem Tagebuch an, dies sei „peace to end all peace“, ein Friede, der jeden Frieden beenden werde. Genau diese Sicht der Dinge – ein determinierter Ablauf von anscheinend alternativloser Geschichte – will Leonhards Buch überwinden. Der Autor beharrt darauf, dass man sich nach 1918 auf die als „schmerzlich empfundene Gleichzeitigkeit vieler möglicher Entwicklungen einlassen“ muss.

Wie schwierig das ist, zeigt die Tatsache, dass viele der im Buch auftretenden Personen nicht eines natürlichen Todes starben – und damit Entwicklungen jäh abbrachen. Auf deutscher Seite waren es etwa Matthias Erzberger, der als Bevollmächtigter der Reichsregierung das Waffenstillstandsabkommen in Compiègne unterzeichnete (ermordet am 26.8.1921), und Walther Rathenau, Schriftsteller, Industrieller und liberaler Politiker, der als Außenminister am 24.6.1922 Opfer einer antisemitischen, terroristischen Vereinigung wurde.

Ein ergebnisoffener Weg

Bei den Menschen der damaligen Zeit machte sich, so Leonhard, ein Gefühl des Betrugs breit: von der Mutter, die ihren Sohn im Krieg verloren hatte, über die Soldaten, die als Bettler zurückkehrten bis hin zu allen, die an eine besser geordnete Welt glaubten. Hier entstand der Nährboden, der den – allerdings keineswegs zwangsläufigen und durch eine Reihe von Einflüssen geprägten – Weg zu Hitler und in den Zweiten Weltkrieg bereitete. Diesen trotz allem ergebnisoffenen Weg aufzuzeigen, ist das Verdienst dieses – obwohl mit epischem Umfang – anschaulichen, perspektivreichen, äußerst lesenswerten Buchs.