Kultur

Theaterschiff Heilbronn Ein-Mann-Stück „Novecento“ von Alessandro Baricco

Vom weiten Ozean auf den Neckar

Archivartikel

Ursprünglich war es ein Roman, den der inzwischen 59-jährige, in Turin geborene italienische Schriftsteller und Journalist 1994 geschrieben hat und der bereits vier Jahre später von Giuseppe Tornatore verfilmt wurde. Der Schauspieler Eugenio Allegri und der Regisseur Gabriele Vacis machten aus dem Roman ein Theaterstück, das schon 1994 beim Festival von Asti uraufgeführt worden war. 2012 wurde „Novecento - die Legende vom Ozeanpianisten“ im Schifffahrtsmuseum in Rostock gespielt, 2014 und im folgenden Jahr wurde es in Braunschweig auf einem Floß aufgeführt, 2015 ging es als Bootstheater auf Tour, das in verschiedenen Ostseehäfen anlegte. Jetzt kam das auf dem Ozean spielende Ein-Mann-Stück auf den Neckar und macht auf dem Theaterschiff in Heilbronn Station.

Es ist die Geschichte einer fiktiven Person namens Danny Boodman T.D. Lemon Novecento, die am 1. Januar 1900 als Säugling in einer für Zitronen bestimmten Pappschachtel auf dem Piano des Ballsaals des Passagierschiffs „Virginian“ ausgesetzt, von dem schwarzhäutigen Maschinisten Danny Boodman gefunden und groß gezogen wurde. Als dieser starb, blieb der Junge an Bord und wurde ein berühmter Klavierspieler, der die Reisenden mit Volksmusik und Jazz unterhielt. Das Besondere an ihm war, dass er nie von Bord gegangen und nie seinen Fuß auf die Erde gesetzt hat. Dagegen kam der Pianist Jelly Roll Morton, der sich selbst als „Erfinder des Jazz“ bezeichnete, an Bord und trug ein „Klavier-Duell“ gegen Novecento aus, das er prompt verlor.

In den dreißiger Jahren verließ der Trompeter Tim Tooney, Novecentos bester Freund, der auch dessen Geschichte als Monolog erzählt, die „Virginian“ und die beiden verloren sich aus den Augen. Doch sie begegneten sich noch einmal, als das Schiff nach dem Zweiten Weltkrieg, in dem es ein schwimmendes Lazarett war, in Plymouth verschrottet werden sollte, Tim Tooney noch einmal an Bord ging und dort Novecento, der sich noch immer weigerte, an Land zu gehen, auf Dynamitfässern sitzend vorfand. Dabei kannte sich Novecento auch auf dem Land aus und führte mit Passagieren Gespräche über Städte, deren Bauwerke und Straßen er nie gesehen hatte. Dazu passt denn auch der Satz: „Man sieht in den Augen der Menschen, was sie sehen werden, nicht was sie gesehen haben.“

Das alles und noch viel mehr erfährt man von dem Trompeter Tim Tooney, der aber in der von Christian Marten-Molnár inszenierten Aufführung ebenso wenig sein Instrument spielt wie Novecento, von dem die Geschichte handelt und die er erzählt.

Musik aus der Konserve

Und das ist ein Nachteil dieser Vorstellung gegenüber anderen, in denen live gespielt wird, dass die Musik nur aus der Konserve kommt.

In einer Kajüte mit Hängematte, Radio und noch vielem anderen, erzählt der von Katharina Flubacher in der Art eines Clochards kostümierte Andreas Posthoff die Geschichte, wobei er sich immer wieder in verschiedene Rollen versetzt. Dieter Schnabel