Kultur

Mainfranken Theater Würzburg Musiktheaterpremiere mit "Così fan tutte" wird gefeiert

Von der Liebe und Untreue

Statt bei Regen, Wind und grauem Himmel Trübsal zu blasen, bieten Mozart und das Mainfranken Theater Würzburg seit Samstag ein todsicheres Rezept gegen den Herbstblues: Bei der ersten Musiktheaterpremiere mit "Così fan tutte" werden alle Mitwirkenden für eine grandiose Aufführung gefeiert, in der viele Sonnenstrahlen des Philharmonischen Orchesters und des prächtig harmonierenden Sängersextetts im nahezu voll besetzten Großen Haus beste Laune hervorzaubern.

Die Inszenierung hebt die lange unterschätzte Oper auf das Podest, das sie verdient. Ohne Fehl und Tadel sang und agierte der Opernchor; wie die Gesangssolisten getragen von himmlischen Mozart-Klängen, die das Philharmonische Orchester mit allen Klangfarben und unglaublich variantenreichen Tempi alle Sinne betörend ausbreitet. Gesungen wird in italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln.

Folgenreiche männliche Wette

Von Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit, den Losungen der die Welt des 18. Jahrhunderts in ihren Grundfesten erschütternden Französischen Revolution, ist in dem 1789 von Mozart und dem Librettisten Da Ponte geschriebenen Spätwerk "Così fan tutte" nicht ausdrücklich die Rede. Doch in "La scuola degli amanti", wie es im Untertitel heißt, in der "Schule der Liebenden" treibt mit Don Alfonso ein besonders schäbiger Aufklärer sein clowneskes Spiel. Es geht ihm nicht um Politik, sondern um Liebe und Treue zweier Paare. Don Alfonso glaubt, beweisen zu können, dass Frauen per se untreue Geschöpfe sind. Guglielmo und Ferrando wetten um 100 Zechinen dagegen, haben aber dennoch Angst davor, von ihren Frauen, den Schwestern Fiordiligi und Dorabella, betrogen zu werden. Den männlichen Zynismus treibt später der Opernchor auf die Spitze, wenn er die Wette vor dem Hintergrund der Männer im Krieg kommentiert, die sich wie selbstverständlich die Frauen nehmen, die sie wollen.

Mit einer vor Spielwitz sprühenden Ouvertüre weckt Generalmusikdirektor Enrico Calesso die Vorfreude auf drei Stunden himmlische Musik, die viel wahrhaftiger daherkommt als das arg konstruiert wirkende Libretto über die Untreue der Frauen, die von ihren Verlobten via Partnertausch auf die Probe gestellt werden. Wie die Musik und das Geschehen miteinander in Einklang zu bringen sind, zeigt Regisseurin - und ausgebildete Architektin - Martina Veh gleich bei der Ouvertüre mit einem sich drehenden, dreidimensional auf den Vorhang projizierten Würfel nebst Schattenspielen zweier Paare. Gleich darauf öffnet sich die Bühne wie ein überdimensionaler Würfel; das Spiel um Liebe und Treue kann beginnen.

Es ist die erste, sehr bestaunte Kostprobe der Videokünstler und Bühnenbildner Momme Hinrichs und Torge Müller, die später mit dem Zeichner Freddy Engel fantastische Landschaften und Strände mit schwebenden Wolken, sich nähernden Schiffen und im Zeitraffer aufblühenden Gewächsen passend zur Handlung und der Musik auf die Bühnenrückwand zaubern. Die Inszenierung wird zu einer stimmigen Symbiose von Musik und Handlung, Raum und Projektion. Erster großer Höhepunkt ist das Blau von Wolken und Wasser am Golf von Neapel, an dessen Strand sich Sopranistin Silke Evers als Fiordiligi und Mezzosopranistin Marzia Marzo als Dorabella im Liegestuhl noch nervenstark räkeln, als bereits die fallende Rückwand auf sie zusaust. Doch zwei Fenster sparen exakt die Liegestuhl-Fläche aus. Es folgen weniger spektakuläre, aber nicht weniger wirkungsvolle Regieeinfälle.

Leib, Herz und Seele

Doch geht es in dieser subtilen Inszenierung nicht um vordergründige Gags, sondern um die Umsetzung der Musik, die zwischen den Noten die Gefühle der Figuren stärker offenbart, als es deren Worte und Gesten vermögen. Die sechs charakterlich sehr unterschiedlichen Protagonisten treten nicht einzeln im Wechsel, wie oft in den meisten Mozart-Opern, sondern in Ensembles auf. Es ist eine besondere Herausforderung für die spielfreudigen Solisten, die auch mit ihren Stimmlagen bewundernswert miteinander harmonieren. Roberto Ortiz gibt einen sinnlich-betörenden, im Innersten schwankenden Ferrando, während Daniel Fiolka einen optimistisch-pragmatischen, den Freuden der Liebe und des Genusses aufgeschlossen gegenüberstehenden Guglielmo verkörpert.

Noch deutlicher kontrastieren Silke Evers als stolze, leidenschaftlich an unverbrüchliche Treue glaubende Fiordiligi, während die gebürtige Italienerin Marzia Marzo eine stürmische, rasch entflammbare und wankelmütige Dorabella verkörpert. Leicht frösteln lässt nicht der raumfüllende, elegante Bass von Taiyu Uchiyama als Don Alfonso, sondern das zynische Spiel eines Kontrollfreaks mit den Gefühlen und ihrer Manipulierbarkeit. Uchiyama gelingt es, im Gewand und Stil eines Managers, der eher Mephisto als ein Philosoph ist, den Frauenverächter herauszukehren, ohne ganz verleugnen zu können, dass Despina, das Kammermädchen der Schwestern, ihm vielleicht mal etwas bedeutet hat.

Mit viel Authentizität

Despina wird herzerfrischend und keck-frivol von Akiho Tsujii verkörpert; die Sopranistin bringt viel Herz und Authentizität in ihr Spiel ein. Ohne Skrupel wird sie Don Alfonsos willfährige Assistentin im Menschenlabor und bleibt doch als Betrogene am Ende auf der Strecke. Bühnenausstatterin Christl Wein verzichtet weitgehend auf die im Grunde lächerlichen Requisiten für die unglaubwürdige und realitätsferne Posse der Verwandlung von Ferrando und Guglielmo in bärtige Albaner. Gelb und Rot sind die Leitfarben der beiden Verlobten-Paare, die sich im Finale nicht wieder finden. Es sind die Körper und nicht die Masken, die couragiert und mit Herz ihre Gefühle füreinander ausloten. Schräge Bühnenelemente, unterstützt durch Videoprojektionen, unterstreichen das Chaos; verursacht dadurch, dass die Untreue der Frauen nicht durch aufkeimende Liebe, sondern durch Verführung "nach Ansage" ausgelöst wird. Regisseurin Martina Veh macht in der Schlussszene deutlich, wie irreal der Plot des Stückes eigentlich ist, indem es für sie ein Zurück zur vorherigen Paar-Konstellation nicht mehr geben kann. Denn ratlos und verlegen bleiben Guglielmo und Dorabella getrennt voneinander zurück, während sich mit Ferrando und Fiordiligi ein neues Liebespaar gefunden hat. Fast möchte man ihnen zurufen. "Es wird schon schief gehen."