Kultur

„Lohengrin“-Neuproduktion in Stuttgart Richard Wagners romantische Oper als erstes Werk unter dem neuen Intendanten

Von individueller Führung kann keine Rede sein

Archivartikel

Das Große Haus der damaligen Königlichen Hoftheater wurde 1912 mit Richard Wagners „Lohengrin“ eröffnet. Jetzt stellte Viktor Schoner, der neue Intendant der Staatsoper Stuttgart, diese romantische Oper als erste Neuproduktion in seiner Verantwortung am selben Ort vor. Dazwischen machte man mit diesem Werk in Stuttgart gute und schlechte Erfahrungen. Eine zweifellos spektakuläre Inszenierung war die 1960 von Wieland Wagner besorgte, obwohl sie nicht zu den Meisterleistungen dieses Regisseurs gehört.

Durch ihren betonten Symbolismus der statuarischen Deutung glich sie mehr einem szenischen Oratorium als einer romantischen Oper. Ein Höhepunkt der Stuttgarter „Lohengrin“-Geschichte war keine Neuinszenierung, sondern eine konzertante Aufführung unter Sir Georg Solti 1985. An diese zwei „Lohengrin“-Interpretationen erinnert die neueste, in szenischer Hinsicht an Wieland Wagner, in orchestraler an Sir Georg Solti. Für die Regie zeichnet Arpád Schilling verantwortlich, für das Bühnenbild Raimund Orfeo Voigt, für die Kostüme Tina Kloempken. Die musikalische Leitung hat der neue Generalmusikdirektor Cornelius Meister, den Chor studierte Manuel Pujol ein.

Von einem Bühnenbild kann eigentlich keine Rede sein. Weder das Ufer der Schelde noch das Innere der Burg von Antwerpen werden gezeigt. Lediglich im Brautgemach steht ein Bett. Ansonsten ist die Guckkastenbühne leer, auf deren Buden lediglich einmal ein Kreis mit weißer Kreide gezeichnet wird.

Dass es sich bei der Geschichte um eine solche aus dem zehnten Jahrhundert handelt, ist nicht zu erkennen. Die Protagonisten sind im Stil unserer Tage gekleidet, die Choristen als Edle, Männer und Frauen, tragen graue Trainingsanzüge, die sie später einmal gegen farbige Kostüme tauschen, die Trompeter, die auf der Bühne auftreten, sind uniformiert in der Art der Bundeswehr. Lohengrin kommt nicht von einem Schwan gezogen an Land, er bringt vielmehr einen solchen als kleines Stofftier mit. Später liegen aber einige Schwäne unterm Bett und werden entsorgt.

Zum Schluss erlöst Lohengrin Gottfried und bestimmt den Ringer-Typ zum Herzog. Dann sinkt Elsa entseelt zu Boden. Der Chor zeigt sich häufig als Masse, bestenfalls als Kollektiv, von einer individuellen Führung kann keine Rede sein. Und auch die Solisten können sich im Spiel kaum profilieren. Sie gehen oder stehen eben auf der Bühne herum. Von einer die Geschichte musikdramatisch oder gar als Gesamtkunstwerk deutenden Interpretation kann man in diesem Fall nicht sprechen.

Als Sänger gewinnen die Darsteller jedoch Profil. In der Titelrolle stellt sich Michael König als urwüchsig-bärtiger, nicht, gerade aus einem fremden Land kommender Lohengrin vor, der mit seinem kraftvollen Heldentenor den Anforderungen der Partie in jeder Phase des Geschehens vollauf gewachsen ist. Eine liebenswerte, aber nicht liebliche, einerseits noch etwas mädchenhafte, andererseits aber auch frauliche, neugierige – was ihr zum Verhängnis wird – Elsa mit strahlendem, dramatischen Sopran gibt Simone Schneider.

Eine Konkurrentin in jeder Beziehung hat sie in Okka von der Damerau als Ortrud, die nicht zuletzt mit ihrem expressiven Mezzosopran dieser Rolle nicht nur, aber vor allem auch stimmliche Gestalt gibt. Mit einem fülligen, seriösen Bass wartet Goran Juric als mächtiger Heinrich der Vogler auf. Der bewegliche Martin Gantner leiht seinen biegsamen Charakterbariton dem Friedrich von Tellramund. Als Heerrufer des Königs macht der Bariton Shigeo Ishino auf sich aufmerksam.

Die vier Edlen werden von den Tenören Torsten Hofmann und Heinz Göhrig sowie dem Bassbariton Andrew Bogard und dem Bass Michael Nagl dem musikalischen Niveau der Aufführung entsprechend gesungen.

Einen wesentlichen Anteil am Erfolg dieser mit reichem Beifall und einigen Missfallenskundgebungen gegenüber dem Regie- und Ausstatterteam bedachten Aufführung haben das Staatsorchester Stuttgart und der musikalische Leiter Cornelius Meister. Leicht anschwellend, immer stärker und auch lauter, dann aber ebenso abschwellend und wieder leise werdend, erklingt die Musik im Vorspiel. Cornelius Meister setzt da schon die Akzente seiner Interpretation. Er arbeitet die lyrischen Passagen ebenso gut heraus, wie er die dramatischen betont. Er erweist sich als empfindsam-feinfühliger und ausdrucksstarker Sachwalter des Komponisten. Dieter Schnabel