Kultur

Roman Ferrantes frühes Werk „Tage des Verlassenwerdens“

Wahnsinn mit Licht am Tunnelende

Archivartikel

Die früheren Bücher der italienischen Schriftstellerin, die unter dem Namen Elena Ferrante in aller Welt Furore machte mit ihrer Neapolitanischen Saga, werden nach und nach neu aufgelegt. In „Tage des Verlassenwerdens“ aus dem Jahr 2002 (Deutsch 2003) ist bereits ihre Wortgewalt vernehmlich und ihr untrügliches Gespür für Ausnahmezustände.

„An einem Nachmittag im April verkündete mir mein Mann kurz nach dem Mittagessen, dass er mich verlassen wolle.“ So hebt der großartige Roman bereits an, und man darf darauf vertrauen, dass das nur der Beginn ist einer Gefühlsodyssee, einer Irrfahrt in ein unbekanntes und ungeahntes psychisches Gelände, ein Horrortrip wie nach einer zu hohen Dosis Rauschgift. Ferrante dosiert dabei sehr fein. 15 Jahre lang haben Olga und Mario eine bilderbuchmäßige Ehe geführt, zwei Kinder und einen gutmütigen Schäferhund namens Otto großgezogen.

Die Familie lebt in Turin, in komfortablen Verhältnissen. Olga hatte bei der Eheschließung ihren Beruf aufgegeben. Als Mario „behutsam die Eingangstür zuzog“, weiß Olga nicht, wohin er geht und zu wem. Ihre Gefühle sind vielfältig. Wut weicht der Fassungslosigkeit, Trauer gesellt sich hinzu, Unsicherheit, Schmerz, haltloses Entsetzen. Und sie verändert sich, wird nachlässig sich selbst gegenüber. Selbst ihre Sprache nimmt eine neue Färbung an, Obszönitäten entwischen ihr, für die sie sich nicht einmal schämt.

Sie bezahlt keine Rechnungen mehr, kümmert sich nicht um die defekte Telefonleitung, demoliert aus Zorn ihr Handy, verprügelt auf scheußliche Weise den Hund und versorgt mehr schlecht als recht die beiden Kinder. Der äußeren Verwahrlosung entspricht ihre innere Selbstauflösung. Und nur hin und wieder spricht sie sich selbst Mut zu: „Ich bin die Acht der Schwerter, die stechende Wespe, die schwarze Schlange. Ich bin das unverletzte Tier, das durch ein Feuer geht und sich nicht verbrennt.“

Obsolete Gattin, nutzloser Körper

In Wahrheit befindet sich Olga da längst in einem unaufhörlichen Abwärtsstrudel, der nur in eine Katastrophe münden kann. Dabei beobachtet sie sich selbst wie unter einem Mikroskop und wird sich dabei immer fremder: „Ich war eine obsolete Gattin, ein nutzloser Körper, ein ausgedientes Frauenleben, das war meine einzige Krankheit.“

Wie Elena Ferrante diesen Parforceritt in den Wahnsinn beschreibt, ist bisweilen schwer erträglich: Durch ihre präzise und unaufgeregte Sprache, die glasklar die Regungen und Empfindungen Olgas benennt, gerät man als Leser beinahe mit in diesen Ausnahmezustand, von dem man denkt, er würde niemals aufhören. Und doch gibt es am Ende mehr als nur einen Hoffnungsschimmer: Als es nicht weiter bergab gehen kann, erscheint etwas Licht am Ende des Tunnels, gibt es einen Ausblick auf die Normalität des Alltags. Alles ist wieder denkbar: Glück und sogar Liebe.

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