Kultur

Literatur Der in Mannheim aufgewachsene Jürgen Theobaldy legt „Geschichten im Vorübergehen“ vor

Was vom Tage übrig blieb

Archivartikel

Jürgen Theobaldy steht nicht nur literarisch für Vielfalt. 1944 geboren in Straßburg und aufgewachsen in Mannheim, lernte er Kaufmann, studierte auf Lehramt und danach noch gründlich Literaturwissenschaft und Politik. Er ließ sich von der Studentenbewegung prägen, schrieb Alltagslyrik und ging dabei wie dann auch in Prosa von eigenen Erfahrungen aus. Später ließ er sich in der Schweiz nieder, wo er in der Bundesstadt Bern nicht nur als Schriftsteller tätig war, sondern auch als Protokollschreiber des Parlaments.

„Geschichten im Vorübergehen“ heißt sein neues Buch, und auch deshalb kann man sich bei ihm, seiner Biografie und seinem Werk an den ein Jahr früher geborenen Wilhelm Genazino erinnert fühlen. Ein Flaneur begegnet dem Leser auch hier, seine Notate aber sind einerseits konkreter, andererseits auch freier ausgreifend, verspielter in der Sprache noch, als es diejenigen waren, die in Genazinos Romane Eingang fanden. Protokollschreiber ist Theobaldy gewissermaßen geblieben, aber ein sehr poetischer.

Auf Augenhöhe mit Begebenheiten

Warum er schreibt, steht zu Beginn: „Wer will nicht dessen habhaft werden, was mit dem Tag vergeht, heute noch, gestern schon, letzten Monat, vor Jahren?“ Also zieht er (beziehungsweise der Ich-Erzähler dieser Prosa) durch die Stadt und ihr Umland, auf Augenhöhe mit den Begebenheiten, und überlässt sich danach dem Sog des (Auf-) Schreibens – und des Ausschmückens und Hinzuerfindens.

Das kann recht gewunden geschehen, Sätze werden dann so kunstvoll lang wie bei Thomas Bernhard. Man merkt schnell: Wohlständige Behaglichkeit, die wohl die meisten mit der Stadt verbinden, ist in ihr nicht allein zuhause. Es gibt auch irritierende Vorfälle, zu denen bei politisch motivierten Streitereien zu Bruch gehende Schaufenster zählen oder hypermoderne, Eile gebietende Eingangstüren. Überhaupt eignet dem gepflegten Sprachton oft eine melancholische Note angesichts mancher Neuerung modernen Lebens. Überzeitliches liegt dem Erzähler näher, ein „Spiegel der Liebe“ etwa, als der in der gleichnamigen Anekdote dem Erzähler das Geschenk eines alten, prächtigen Wandspiegels mit leichtem Makel erscheint. Oder ein „Plaudern bis zuletzt“, worin es um einen müden Amtsschreiber und seine geistreichen Unterhaltungen geht.

Ansichten über China

Der Behaglichkeit kommt immer wieder existenzieller Ernst dazwischen, nicht nur im Falle des Amtsschreibers. Auch die meist malerisch den Stadtkern umströmende Aare wütet zuweilen gefährlich, wie man im Prosastück „Regenzeit“ erlebt. Überhaupt bietet die hochkultivierte Sprache auch Raum für Grausamkeit oder Geträumtes. Und weltabgeschieden ist das alles keineswegs, es finden sich hier zuweilen etwa Erwägungen über chinesische Zu- und Missstände, veranlasst durch Zeitungsmeldungen.

Anderes verdankt sich freier Fantasie, einem ausgeprägten Sinn auch für Skurriles, gar Absurdes, oder ist Resultat zeitkritischer Analysen, dargeboten als Porträts typischer Charaktere. Immer aber ist es eine Lust an der Sprache, die diese auch an Größen wie Hebel, Kleist oder Kafka erinnernden Texte trägt – und die dann stark daran Anteil hat, dass die Lektüre nicht nur kurzweilig wirkt, sondern als nachdenkenswert und schlicht lohnend empfunden werden darf.

Zum Thema