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Film Die Filmfestspiele müssen umdenken – wie die Branche

Was wird aus Cannes?

Archivartikel

Die Croisette bleibt in diesem Jahr ungewöhnlich leer. Eigentlich würde das Filmfest Cannes bald mit viel Wirbel an dem mit Palmen gesäumten Prachtboulevard starten. Schauspielstars und Regisseure, Journalisten und Fotografen aus der ganzen Welt wären auf dem Weg an die Côte d’Azur, wo das glamouröse Festival am Dienstagabend eröffnet werden sollte. Doch dann kam die Coronakrise und die Absage – ein herber Schlag für die Filmschaffenden, gehören die Festspiele in Cannes doch zu den wichtigsten Events der Branche weltweit. Wie geht es nun weiter mit Cannes, den Filmen, den Kinos?

Es herrscht so etwas wie eine Schockstarre. Das Verhalten der Organisatoren des Festivals Cannes ist dabei symptomatisch für die gesamte Branche. Man zögerte lange, erst in der zweiten Märzhälfte wurde verkündet, dass das Filmfest verschoben werden solle. Man denke über Ende Juni, Anfang Juli nach, hieß es – auch das scheint vom Tisch.

Erstmals seit 1955 Festspielausfall

„Niemand weiß derzeit, was die zweite Jahreshälfte bringt und ob es möglich sein wird, große Filmevents, inklusive das Festival in Cannes, in 2020 zu organisieren“, erklärte der künstlerische Leiter Thierry Frémaux kürzlich. Wann und ob Cannes überhaupt in diesem Jahr starten wird, ist unklar. Das wäre ein Novum: Die Goldene Palme wird seit 1955 vergeben, seitdem fanden die Festspiele jedes Jahr statt.

Cannes ist eine wichtige Plattform für Stars, die Filmschaffenden aus Hollywood und des weltweiten Autorenkinos. Dabei geht es um Glamour – und um Wirtschaft. Auf dem Filmmarkt, der ebenfalls dazu gehört, werden die Werke in die ganze Welt verkauft und millionenschwere Deals abgeschlossen. Nun probiert Cannes etwas Neues und organisiert eine Online-Version: Vom 22. bis 26. Juni soll es für Einkäufer die Möglichkeit geben, neue Filme online zu sehen und Verträge auszuhandeln.

Denn auch das ist bittere Realität: Die Organisatoren dürften schon Hunderte Filme gesichtet haben, wahrscheinlich stand die engere Auswahl fest. Fachblättern zufolge waren Filme wie Wes Andersons „The French Dispatch“ mit Tilda Swinton und Bill Murray so gut wie gesetzt, auch François Ozon, Nanni Moretti, Thomas Vinterberg und Franka Potente mit ihrem Regielangfilmdebüt waren im Gespräch.

Nun zittert die Branche und kämpft mit der Unsicherheit der derzeitigen Situation. Denn solange die Kinos weltweit nicht wiedereröffnen, werden die Studios nur ungern neue Filme herausbringen, weil das ihre Einnahmen schmälern wird. Die Oscars kündigten bereits an, dass beim nächsten Mal ausnahmsweise auch Filme im Rennen sein können, die nicht in Kinos, sondern nur online ihre Premiere feierten. Das allerdings verschärft den seit Jahren schwelenden Streit mit Streamingdiensten und Onlineauswertungen – und ist nicht nur aus wirtschaftlicher Sicht eine Gefahr.

Denn die Kinobranche lebt von dem Gemeinschaftserlebnis, wenn man mit vielen anderen im Saal sitzt und einen Film schaut. Auch dafür ist Cannes berühmt: Im Grand Théâtre fand schon so manche legendäre Premiere statt. Empörte Gäste verließen bei Lars von Trier den Saal, beim deutschen Beitrag „Toni Erdmann“ gab es kollektive Lachstürme. Darauf wird die Branche in diesem Jahr verzichten müssen. 

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