Kultur

Stuttgarter Ballett „Lulu. Eine Monstretragödie“ von Christian Spuck zu sehen

Wedekind lieferte die Vorlage

Tanz pur oder Abstraktes, das ist heute die Regel bei Ballettabenden, ein Handlungsballett, in dem mit Mitteln des Tanzes eine Geschichte erzählt wird, die Ausnahme. Eine dieser Seltenheiten ist jetzt beim Stuttgarter Ballett zu sehen: „Lulu. Eine Monstretragödie“ von Christian Spuck, zu der Frank Wedekind die Vorlage lieferte.

Affinität zu Handlungsballetten

Aber nicht etwa mit seiner „Lulu“- Tragödie, auf die sich Alban Berg in seiner Opernversion stützte, sondern mit dem Manuskript „Die Büchse der Pandora. Eine Monstretragödie“, das der Autor bereits 1895 an Albert Langen geschickt hatte, der aber den Druck der letzten beiden Akte nicht verantworten wollte. Christian Spuck, der 48-jährige Direktor des Zürcher Balletts, der seine Ausbildung als klassischer und moderner Tänzer an der Stuttgarter John-Cranko-Schule absolvierte, seine erste Choreographie 1998 bei der Stuttgarter Noverre-Gesellschaft kreierte, nachdem er ein Jahr zuvor als Tänzer beim Stuttgarter Ballett angefangen hatte, dessen Hauschoreograph er 2001 wurde, hat eine Affinität zu Handlungsballetten, von denen er inzwischen zehn abendfüllende vorgelegt hat.

Eines dieser Werke ist das dreiaktige „Lulu“-Ballett, in dem man der Titelheldin in Berlin, Paris und London begegnet. Dabei wird man Zeuge ihres Verhaltens gegenüber und ihren Verhältnissen mit Männern. Da treten die aus Frank Wedekinds Drama bekannten Gestalten auf: Schwarz, der Porträtist, den sie heiratet und der Selbstmord begeht, der Chefredakteur Dr. Schöning, den sie zur Ehe zwingt, ihr Liebhaber Rodrigo, den sie erschießt, der alte Schigolch, der zuletzt ihr Zuhälter wird, Alwa Schöning, mit, dem sie in einem eheähnlichen Verhältnis lebt und ihre Freier, einem derer Alwa zum Opfer fällt, aber auch die sie liebende Gräfin Geschwitz, die ebenso wie Lulu von Jack the Ripper ermordet wird.

Aus der Sicht von Christian Spuck ist Lulu Opfer und Täter in einer Person. Sie hat nicht wenige Männer auf dem Gewissen, aber zuvor hatte sie eine glücklose Jugend, die sie auf die schiefe Bahn geraten ließ.

Dabei ist nach seiner Meinung das Ballett eher ein Stück über Männer, die „ihre Vorstellungen von Frau, ihre Wunschvorstellung von Liebe und Erfüllung auf dieses Mädchen projizieren“ als über Lulu selbst.

Musikalisch hört man Kompositionen von Dmitri Schostakowitsch – nicht wenige Walzer –, Alban Berg – Konzertantes und nicht aus der „Lulu“-Oper – und Arnold Schönberg sowie das Lied „Wild in the wind“ von Ned Washington und Dimitri Tiomkin, interpretiert von Nina Simone.

Das Bühnenbild von Dirk Becker ist ein Salon mit Empore, der, abgesehen von Tischen und Neonbeleuchtung, ebenso wie die Kostüme von Emma Ryott, im Wesentlichen im Stil des 19. Jahrhunderts gehalten ist.

Dem Choreographen Christian Spuck gelingt es hervorragend die Geschichte als großes und großartiges Handlungsballett zu erzählen. Und das nicht nur mit in diesem Fall variantenreich eingesetztem Bewegungsvokabular des Tanzes, sondern auch durch eine geradezu schauspielreife Führung und Charakterisierung der Protagonisten.

Emotional, verführerisch, ihrer körperlichen Reize bewusst und sie gekonnt einsetzend, ist Alicia Amatriain eine die Komplexität der Rolle exzellent, transparent machende Lulu.

Als Gräfin Geschwitz zeigt Anna Osadcenko eine hervorragende Charakterstudie dieser Lulu liebenden Frau. Doch auch Louis Stiens als Schigolch, Roman Novitzky als Dr. Schöning und Jack the Ripper, David Moore als Alwa Schöning, Noan Alves als Porträtist Schwarz und Flemming Puthenpurayil tragen zum umjubelten Erfolg dieses Handlungsballetts im Opernhaus Stuttgart bei. Nicht zu vergessen ist aber auch das Corps de ballet, das Lulus Liebhaber, Doppelgängerinnen und die Pariser Gesellschaft in der vom Staatsorchester Stuttgart, unter der kompetenten Leitung von James Tuggle, musikalisch illustrierten Aufführung verkörpert. Dieter Schnabel