Kultur

Weibliche Wut

Archivartikel

Liebes Corona-Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

ich möchte heute etwas persönlicher werden. Es geht um ein vieldiskutiertes Gefühl derzeit: Wut. Gerade der Feminismus entdeckt sie wieder. Nach Morddrohungen gegen Frauen durch den NSU 2.0 ist die Debatte neu entfacht. Neulich bekam ich vom Suhrkamp Verlag ein Buch geschickt, von dem wohl jemand dachte, es könnte mir gefallen: „Speak out! – Die Kraft weiblicher Wut!“

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Im ersten Moment dachte ich, da kann mich jemand aber gut einschätzen; doch je länger ich darin las, desto klarer wurde mir: Die Wut-Welle wird ohne mich auskommen müssen. Ich gestehe: Wut war ein großer Teil meines Lebens. Ich vermute, sie war auch ein Antrieb.

Doch wenn ich die letzten Jahre eines gelernt habe, vielleicht auch, weil meine Wut so stark sein konnte, dass sie krass ausbrach: Nie gehörst du anderen mehr als in deiner Wut. Ich meine nicht den kurzen, effektvollen Wutausbruch, der einmal ein Unrecht anprangert. Ich meine Wut als Lebensgefühl, als Weltverortung, als dein Platz in der Welt, auf den du dich stellst – oder eben gestellt wirst. Ich habe viel über Menschenrechtskämpferinnen und –kämpfer gelesen und am meisten hat mich beeindruckt: Je krasser das Unrecht war, das sie anprangerten und das ihnen widerfuhr, desto weniger wählten sie Wut als Antwort.

Ich muss an meine Mutter denken, die, wenn ich Wuttiraden abließ, im Anschluss immer fragte: „Und, hast du jetzt mit der Aufregung den anderen geschadet oder dir?“ Das machte mich natürlich noch wütender. Und doch denk ich heute: Wut schadet dem Wütenden oft mehr als dem Adressaten der Wut. Ich will jetzt keine historischen Größen nennen, weil sie meinen Gedanken ein Gewicht verleihen würden, das ich hier gar nicht möchte. Die Wut wird derzeit wieder rehabilitiert und vermutlich ist sie besser als der Mehltau, der lange über dem politischen Leben dieses Landes hing.

Insbesondere Frauen suchen ihre Wut. Ich würde jede in ihrer Wut bestärken, wenn sie das gerade braucht. Ich werde für mich jedoch diesen Weg nicht mehr gehen. Weil Wut eine Reaktion ist. Sie ist ein reaktives Gefühl: Dein Gegenüber hat letztlich mehr Macht über dich als du. Du kannst agieren, aber nur innerhalb des gesetzten Rahmens. Ich denke inzwischen mehr über Freiheit nach als über Wut. Dazu gehört die altbekannte Banalität: Jedem das Seine.

Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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