Kultur

Zehn Wochen, zehn Werke Ausgewählte Exponate der Kunsthallenschau „Inspiration Matisse“ unter der Lupe betrachtet

Weiblicher Körper als Kathedrale

Archivartikel

Nehmen wir, was der Meister seine Schüler lehrte: „Fügen Sie die Teile ihrer Figur ineinander und bauen Sie diese auf, wie der Zimmermann ein Haus. Alles muss konstruiert werden – aufgebaut aus Teilen, die eine Einheit bilden: ein Baum wie ein menschlicher Körper, ein menschlicher Körper wie eine Kathedrale.“ Das soll Henri Matisse zu einem seiner Lehrlinge gesagt haben.

Suche nach Klarheit

Blicken wir in der aktuellen Ausstellung „Inspiration Matisse“ in der Kunsthalle Mannheim auf Matisses fast zwei Meter hohes Relief „Rückenakt IV“, so ist die fortschreitende Abstraktion des Stils dort tatsächlich schon so weit fortgeschritten, dass die erste Betrachtung kaum noch an einen menschlichen Körper denken lässt. Die drei vertikal angeordneten Formen – ganz grob umschließen zwei dicke Wülste einen dünneren und kürzeren – erinnern eher an ein erfundenes Konstrukt, an ein freies Spiel der Formen, ja, gewissermaßen an organische Architektur, die in ihrer Länglichkeit durchaus etwas Kathedralenhaftes hat. Nur, wenn wir die drei Vorgänger betrachten, erschließt sich der Inhalt: eine nackte Frau von hinten, im klassischen Kontrapost stehend (Stand- und Spielbein), der linke Arm nach oben, der rechte nach unten geneigt, die Haare hängen zwischen den beiden Körperhälften über den Rücken hinab.

Es ist eines der Werke in der Schau, die der Kunsthalle Mannheim gehören. Erworben hat sie es, nachdem der Mannheimer Kulturausschuss im Sommer 1963 zustimmte – aus dem Besitz von Matisses Sohn Jean, die Geschäfte wickelte damals die Kölner Galerie Änne Abels ab. Kunsthallendirektor Heinz Fuchs soll begeistert gewesen sein und in dem Rückenakt eines der bedeutendsten Werke der Skulpturensammlung überhaupt gesehen haben. Über den Preis gibt die Kunsthalle keine Auskunft.

Die Serie der vier Rückenakte entstand über mehr als 20 Jahre (1909, 1911, 1913,1930), wobei sie von Matisse nach und nach in Gips gearbeitet und immer wieder reduziert und abstrahiert wurde. Die Kunsthalle spricht davon, dass man anhand der Tetralogie dem Künstler bei der Entwicklung seiner Idee innerhalb eines Schaffensprozesses zusehen kann. Die Rückenakte waren übrigens nie für die Öffentlichkeit gedacht und wurden erst nach Matisses Tod 1954 in Bronze gegossen. Die Kunstgeschichte spricht dabei vom skulpturalen Höhepunkt in Matisses Œuvre.

Gerade der Mannheimer „Rückenakt“ darf dabei exemplarisch für die Suche des Franzosen nach einer Klarheit des Ausdrucks und nach Harmonie betrachtet werden. Der weibliche Körper wird in ihm zu einem hochästhetischen Gebäude.

Zum Thema