Kultur

Internationale Filmfestspiele Venedig Regisseurin Jennifer Kent prangert in „The Nightingale“ Massenmord an Aborigines an / Zahlreiche historische Stoffe

Weiblicher Wettbewerbsbeitrag geißelt Kolonialzeit

Archivartikel

50:50 ist das ambitionierte Ziel. Festival-Chef Alberto Barbera unterzeichnete kürzlich ein Versprechen, dass das Top-Management der Filmfestspiele in Venedig bis 2020 zur Hälfte aus Frauen besteht. Für die Auswahl des Programms soll es allerdings keine Quote geben, obwohl die Präsenz von Regisseurinnen oft mager ist.

Zu grobe Figurenzeichnung

Der 75. Festspieljahrgang war in dieser Hinsicht keine Ausnahme, was vorab einmal mehr eine Debatte auslöste, die auch in Cannes und Berlin nicht unbekannt ist. Unter den 21 Beiträgen in Konkurrenz um den Goldenen Löwen stammte mit Jennifer Kents „The Nightingale“ schließlich nur ein einziger Film von einer Frau.

Diesmal erzählt die australische Regisseurin die Rachegeschichte einer irischen Ex-Gefangenen und einem Aborigine im frühen 19. Jahrhundert in Australien. „The Nightingale“ thematisiert dabei die Gewalt in der Kolonialgeschichte Australiens – gegenüber Häftlingen, Frauen, vor allem aber gegenüber den Aborigines, die von den Briten willkürlich enteignet, gequält, getötet werden. Doch leidet der Film unter dem simplen Gut-Böse-Schema seiner Figurenzeichnung. Ob Kent damit die Jury überzeugen kann?

Einen eindeutigen Favoriten oder die große Überraschung gab es unter all den großen Namen bis kurz vor der Preisverleihung immerhin noch nicht. Überraschend war auf jeden Fall, wie selten die Beiträge dieses Jahrgangs die Auseinandersetzung mit den dringlichen Problemen der Gegenwart suchten. „What You Gonna Do When The World’s On Fire“ war da eine Ausnahme – und die einzige Doku in Konkurrenz. In starkem Kontrastschwarzweiß greift Regisseur Roberto Minervini darin den Alltag von Afroamerikanern in New Orleans auf. Zu oft allerdings wirkt der Film wie eine Momentaufnahme, deren Themen wie Rassismus und Polizeigewalt kaum tief genug ergründet werden.

Bildstarker Kunst-Horror-Thriller

Die Chancen, dass ein historischer Stoff unter den Preisträgern sein wird, ist hoch. Schließlich wimmelte es im starken Wettbewerb vor Rückgriffen auf die Geschichte: von Julian Schnabels kunstvoller Van-Gogh-Biografie „At Eternity’s Gate“ bis zu Florian Henckel von Donnersmarcks ausuferndem Künstlerdrama „Werk ohne Autor“, das zwar von der Kritik eher zurückhaltend aufgenommen wurde, aber zu den diesjährigen Publikumsfavoriten zählt.

Ein Höhepunkt wie der wunderschöne „Roma“, Alfonso Cuarons Hommage an das Hausmädchen seiner Kindheit im Mexiko der 70er Jahre, könnte der Jury womöglich nicht dringlich genug für einen Löwen sein. Und der Western „The Sisters Brothers“ von Jacques Audiard wahrscheinlich zu sehr in seinem Genre verhaftet. Viele allerdings begeisterte er nicht nur mit einer ganz eigenen Herangehensweise aus Gewalt, ironischer Komik und aufrichtiger Emotion, sondern auch mit einem sehr preisverdächtigen John C. Reilly in einer der Hauptrollen.

Ein anderer polarisierender Genreabstecher kam von Luca Guidagnino. Der „Call Me By Your Name“-Regisseur drehte mit dem bildstarken Kunst-Horror-Thriller „Suspiria“ ein eigenwilliges Remake von Dario Argentos gleichnamigem Klassiker, das zu selten effektiv ist in seinen Schreckensmomenten.