Kultur

Literatur im Schloss Anja Kampmann präsentierte in Bad Mergentheim ihr Buch „Wie hoch die Wasser steigen“

Welten entstehen in hochpoetischer Sprache

Erstmals im Rahmen einer Nachmittagslesung präsentierte „Literatur im Schloss“ die aus Hamburg stammende Autorin Anja Kampmann. Es ist ein Debütroman, der Helmut Böttiger in der Süddeutschen Zeitung zu einer wahren Lobeshymne hinriss. „Wie hoch die Wasser steigen“ sei, so Böttiger im Gespräch mit der Autorin im Götterzimmer des Deutschordensschlosses, sein Lieblingsbuch unter den Neuerscheinungen des Jahres.

Das nimmt nicht Wunder: Lauschte man der ruhigen leisen Stimme des Autorin, wurde man entführt – auf eine Ölbohrplattform inmitten hoch tosender Wellen, an die Küste von Tanger, nach Ungarn in eine Schneiderei, in die Nacht von Budapest, auf die Brücke über der Donau, gar hinein ins Pissoir eines Budapester Spielcasinos.

Ganze Welten lässt sie entstehen in hochpoetischer Sprache, so fühl-, ja greifbar, so realistisch, dass man vermeint, peitschenden Regen auf der eigenen Haut zu spüren, den Geruch von erhitzter Wolle und Rosshaar wahrzunehmen, das übers Kopfsteinpflaster tastende Gestocher eines Gehstocks zu hören.

In „selten zu hörendem Ton“, so Böttiger, steigt sie ein in die Welt des modernen globalisierten Arbeitssklaventums, in eine hochtechnologisierte Welt, in der auch der Verlust eines Mitarbeiters zwar noch ordnungsgemäß gemeldet wird, die Arbeitsabläufe aber nicht stören darf.

Mit derselben traumwandlerischen Sicherheit, mit der die Autorin die weitgehend entwurzelte, international zusammengewürfelte Männerwelt der gegerbten, sich in hässlichem Texasenglisch, „das wie ein Bellen klang, mit dem sie sich die anderen vom Leib hielten“ verständigenden Ölbohrarbeiter auf ihrem stählernen Gefängnis inmitten der großen Freiheit der Meere schildert, holt sie Leser und Zuhörer in eine winzige Budapester Maßschneiderei, später unter einen Baum in der Hitze eines italienischen Bergdorfs.

Ausgehend von der Bohrinsel Ocean Monarch – „ein Halbschwimmer, ein Koloss, der in die Jahre gekommen war“ – wird sie die Leser auf einer leisen Odyssee kreuz und quer durch die Welt und ins Innere, Vergangene, nie Formulierte, nur selten ins Bewusstsein geratene führen, bis ins Ruhrgebiet, wo Protagonist Waclaw aufgewachsen war.

Unverkennbar ist es eine Lyrikerin, die hier schreibt, die im Götterzimmer leise, unaufdringlich liest und sich wunderbar uneitel mit Böttiger ins Gespräch vor Publikum einlässt.

Waclaw sei ursprünglich eine Nebenfigur in einer anderen kleinen Geschichte gewesen, erklärt sie, skizziert kurz den Besucher auf einem abgelegenen Hof, und er hätte vielleicht ursprünglich auf einer Ölbohrplattform arbeiten können…

Da spürte er „die Schläge der Wellen gegen die Inselbeine“, „das Zerren an den Schweißnähten, die See, die gegen die Plattform anpreschte wie eine verrückte Herde“.

Es sind die Gegensätze, die der Erzählung irisierende Spannung verleihen: da steht die hochtechnisierte Welt neben fein ziselierten Miniaturen, lautstarke Sprachlosigkeit neben gerade erahnbarem Seelenatem, da ist die See wogendes Braun und die Donau ballt in Strudeln „Fäuste, die sich nicht schließen“ können.

So im Romanraum eingefangen war das Publikum, dass es nach Leseetappen immer wieder erst einen langen Atemzug brauchte vor dem Applaus.