Kultur

Im Carmen Würth Forum in Künzelsau 11. Würth-Preis für Europäische Literatur an Schriftsteller Christoph Ransmayr verliehen

Weltwanderer und Brückenbauer

Archivartikel

„Schade, dass die meisten von Ihnen noch nie in Ransmayrs Kofferraum gucken konnten“, erklärt Regisseur Claus Peymann den 900 Gästen im Carmen Würth Forum bei der Verleihung des 11. Würth-Preises für Europäische Literatur an den österreichischen Schriftsteller Christoph Ransmayr. Peymann, der mit Ransmayr schon zahlreiche Wanderungen – eine davon zu Dritt mit Reinhold Messner – durchstanden hat, gestaltet die Festrede als Mini-Inszenierung. Nicht nur der Inhalt des Kofferraums, sondern zahlreiche Anekdoten kommen dabei zur Sprache.

Wer dachte, die Verleihung von Literaturpreisen sei eine tröge Angelegenheit, die rituell nach ein und demselben Muster abläuft, der wurde eines Besseren belehrt: Die hochkarätige Besetzung mit Alpha-Tieren des Literaturbetriebs – in der Reihenfolge ihres Auftritts Laudatorin Sigrid Löffler, Festredner Peymann und Preisträger Ransmayr – konnte feststellen, wie sehr die Granden der Kultur das politische Geleit anspornte.

Blick auf vereintes Europa

„Der Preis lenkt sehr bewusst den Blick auf ein vereintes Europa“, so Harald Unkelbach, Vorsitzender des Vorstands der Stiftung Würth bei seiner Begrüßung. Reinhold Würth, ein Europäer im besten Sinne, wurde 19-jährig, im Jahr 1954, in die Verantwortung für das Familienunter–nehmen genommen. „Ich wollte schon immer wissen, was hinterm Berg und ums Eck ist“, sagt er. Dass er zum Weltmarktführer aufgestiegen ist, hat ihn nicht verleitet, Geldströme als das alleinige Mittel des Zusammenhalts zu betrachten. Begegnungen mit Künstlern haben ihn zu Perspektivenwechseln bewogen.

„Allein an 15 Standorten in Europa unterhält er Museen und Kunst-Dependancen – das ist vorbildlich“, lobt Theresia Bauer, Ministerin für Wissenschaft, Forschung und Kunst. Begeistert vom unternehmerischen Engagement im Land der Hidden Champions (Baden-Württemberg) unterstreicht Bauer die Notwendigkeit des Preises: „Wenn es ihn nicht gäbe, müsste man ihn erfinden! Er erinnert uns daran, dass Europa ein einmaliger, kostbarer und vitaler Kulturraum ist. Er trägt auf sehr wertvolle Weise dazu bei, das Literaturleben unseres Landes zu bereichern.“ Und sie outet sich als Fan des diesjährigen Preisträgers, dessen Botschaft gerade bei der gegenwärtigen Tendenz zur Abschottung wichtiger sei, denn je.

Oettinger erteilt in seinem Vortrag „Europa gestern, heute und morgen“ dem Nationalismus eine Absage und baut in Zeiten der Globalisierung, Automatisierung und Digitalisierung auf die Generation Erasmus plus: „Erziehen wir unsere Kinder zu Botschaftern der Toleranz, Nächstenliebe und Weltoffenheit!“ ermutigt er, beflügelt von Visionen einer paradiesischen Zukunft Europas.

Löffler, die renommierte Literaturkritikerin und Mitglied der Jury, begründet die Entscheidung: Der Weltwanderer aus Oberösterreich hat in den letzten 30 Jahren die Erde bis in ihre entlegensten und wildesten Regionen erkundet und die Wanderung zur favorisierten Form seines Schreibens gemacht.

Die Neugier des Reisenden, seine Bereitschaft, über die Welt nicht bloß zu urteilen, sondern sie zu erfahren und sich in sie zu versetzen, seien für Ransmayr Voraussetzungen des Erzählens. Er schreibe als Fußgänger, indem er sich im Gehen in die Landschaft einschreibe. Dabei übersetze er Schritt für Schritt Wander-Spuren in Schriftzüge, in große narrative Linien, beschwingt durch die Begegnungen mit Anderen und durch die Teilhabe an deren Leben und Erzählungen, erklärt die Publizistin und macht eine Tour d’horizon durch die Reihe formvollendeter Sprachkunstwerke.

„Lass die Bücher im Regal und berichte von den gemeinsamen Wanderungen!“ Peymann hält sich an Ransmayrs Ratschlag und redet sich in Rage. Mit Blick auf den größten Literaturpreis, der gerade dabei sei, sich abzuschaffen, appelliert er: „Herr Würth, verdreißigfachen Sie die Summe und schaffen Sie einen Alternativen Literatur-Nobelpreis!“. Würth winkt bescheiden ab, dem Nobelpreis Konkurrenz machen will er nicht. „Schade!“ findet ein Besucher, während Christoph Ransmayr, der schreibende Halbnomade und viel gelobte Brückenbauer die Urkunde für den mit 25 000 Euro dotierten Preis aus der Hand des Stifters in Empfang nimmt.

Seinen Dank fasst der Autor in einer Kurzgeschichte voller Denkanstöße zusammen. Im unveröffentlichten Skript „Das Mädchen im gelben Kleid“ rückt er geradezu genial die dunkle Seite der europäischen Geschichte in den Fokus.

Das letzte Wort hat ein Affe, Vertreter einer bedrohten Art – das Grunzen des Silberrückens interpretiert Ransmayr optimistisch: „Alles ist gut!“