Kultur

Philosophie: Richard David Precht hält Vortrag im Capitol / Kritik an deutscher Kulturlandschaft  

Weniger Arbeit dank Fortschritt

Die Besprechung einer von der Dachmarke der Mannheimer Gründungsförderung „Startup Mannheim“ organisierten Veranstaltung im Kulturteil – auf dem ersten Blick wohl ungewöhnlich. Und dennoch ist dieser Text über den bemerkenswerten Auftritt von Richard David Precht am Mittwochabend im Mannheimer Capitol im Feuilleton an genau der richtigen Stelle. Wie verändert sich die Arbeit unter dem Einfluss der Digitalisierung, hatten Mannheimer Unternehmer den Philosophen, Bestsellerautor und Moderator gefragt. Precht lieferte Antworten.

Teilweise populistisch

Besonders in handwerklichen und sozialen Berufen werden menschliche Arbeitskräfte auch zukünftig gebraucht, prophezeit er. Im Verkehr- und Computersektor würden Arbeitsplätze dagegen rapide wegfallen. Mal nimmt Precht in seinem durchgehend frei vorgetragenen Referat die Rolle des meinungsstarken Mahners, teilweise auch die des Populisten ein, ehe er das Kabarett bedient. Zwischendurch verliert er sich dabei jedoch auch in philosophischen Ergüssen über gesellschaftliche Revolutionen, Glück, und dankbaren, weil oft auch klischeebestückten, populistischen Themen – etwa dann, wenn er ein nicht wünschenswertes Szenario der Altenpflege kritisiert, die von empathielosen Robotern absolviert wird. Oder von Kindern spricht, die von datensammelnden „Profilingmaschinen“ betreut und sozialisiert werden. Precht will ein solches Szenario, natürlich, nicht – Applaus.

Interessen bedienen

Er argumentiert auch leidenschaftlich und – vor dem Hintergrund, dass ein fachkundiger Gegenredner fehlt – für den Laien wohl nachvollziehbar für ein bedingungsloses Grundeinkommen und die Grundrente. Menschen würden zukünftig „weniger arbeiten“. Damit, führt er aus, „wird die Evolutionslinie fortgeführt“ und Menschen hätten mehr Zeit, der Frage nachzugehen, „was wir wirklich wollen“.

Doch nicht nur Ökonomen bedient der Honorarprofessor für Philosophie an der Universität Lüneburg in seinem über weite Strecken pointiert vorgetragenen Monolog. Er wird kabarettistisch, als er sich über die Sozialpolitik der CDU-Vorsitzenden „mit der Ausstrahlung einer Handpuppe“, Annegret Kramp-Karrenbauer, auslässt. Und der inzwischen ehemaligen SPD-Chefin Andrea Nahles abspricht, mit Wladimir Putin intellektuell auf Augenhöhe verhandeln zu können. Oder von einem Gespräch mit einem katholischen Priester erzählt, der sich über die Ausbreitung von „Fake News“ echauffiert. „Ausgerechnet ein katholischer Geistlicher.“

Zum Schluss spricht Precht Kulturschaffende an. Arbeit gebe es für diese auch zukünftig, trotz Digitalisierung – „Wer will schon eine Opernsängerin als Roboter sehen?“. „Überall wird Shakespeare gespielt, Van Gogh gezeigt“, lautet seine These. Für Interessen junger Menschen bliebe da wenig Platz. „Mehr Räume“ (noch mehr) für zeitgenössische Kunst, fordert er. „Dann kann die Kultur von der Digitalisierung profitieren, weil sie Individuen fördert.“