Kultur

Schauspiel Das Staatstheater Mainz zeigt Schiller – und Hannah von Peinen, lange am Nationaltheater, brilliert in „Maria Stuart“ als Gegenspielerin Elisabeth I.

Weniger ist oft sehr viel mehr

Die Klage ist altbekannt. Seit Jahrzehnten kontern Mannheims Schillertage-Macher auf kritische Bemerkungen zum Festivalprogramm, dass an den Theatern der Republik eben auch immer weniger Schiller gespielt werde. Und wenn, dann seien die Abende meist nicht gut. Letzteres ist fraglos Geschmackssache, Ersteres schlicht falsch. Die unlängst erschienene Werkstatistik des Deutschen Bühnenvereins (diese Zeitung berichtete) spricht eine andere Sprache: 42 Inszenierungen von Werken Friedrich Schillers waren in der Spielzeit 2017/2018 auf deutschsprachigen Bühnen zu sehen.

Am Staatstheater Mainz, das unter der Leitung von Markus Müller steht, einstmals Assistent des langjährigen Mannheimer Generalintendanten Ulrich Schwab am Nationaltheater, hat sich Dariusch Yazdkhasti Schillers historischem Trauerspiel „Maria Stuart“ angenommen. Premiere war im August 2018. Im Juni 2019 hatte NTM-Schauspielintendant Christian Holtzhauer mit just demselben Stück die Schillertage eröffnet – als schrille Nummer, mit einigen gelungenen Einfällen, aber überwiegend ohne Differenzierbarkeit des Schiller’schen Personals.

Auf Sprache vertraut

Dariusch Yazdkhasti geht in Mainz gänzlich andere Wege. Wo in Mannheim effektvolle Kostümideen und manierierte Künstlichkeit Schillers Gedankenwelt abbilden wollen, vertraut man in Mainz auf des Dichters Sprache, konzise Figurengestaltung und Verständlichkeit des reichlich komplizierten Plots. Zum wilden Berliner Theatertreffen schafft es eine solche Inszenierung (leider, leider) gewiss nicht, aber bieder, verstaubt oder gar langweilig – diesen Beweis hat der deutsch-iranische Regisseur Dariusch Yazdkhasti angetreten–, muss das beileibe nicht sein. Ganz im Gegenteil.

Unter den sich nach hinten verjüngenden Betonwinkeln des schlichten wie beeindruckenden Bühnenbilds von Anna Bergemann entspinnt sich das berühmte Königinnendrama als spannender Politreigen zum Thema Macht und Gewissen: mit Emotion, ohne anbiedernde Larmoyanz, mit Sprachkunst, ohne tönendes Pathos.

Königin Elisabeth, die mit dem ehemaligen NTM-Ensemblemitglied Hannah von Peinen nicht weniger als ideal besetzt ist, leidet glaubhaft unter der „Sklaverei des Volksdienstes“. Ihre Gegenspielerin, Schottenkönigin und Titelheldin Maria Stuart, ist bei Anika Baumann nicht minder gut aufgehoben.

Es gibt sparsame Musik, schlichte und doch große Videoarbeit (Konrad Kästner), und die wankelmütigen Peers ihrer Majestäten sprechen gelegentlich chorisch. All das vollzieht sich in zwei pausenlosen – klug und sinnstiftend zusammengestrichenen – Stunden mit heiligem Ernst. Das Ergebnis ist ein Historienkrimi über die Kraft der Verführung, das Gift der Intrige und die Macht des schlechten Gewissens. Gute Nachrichten aus Mainz: Es gibt ihn noch, den guten Schiller.

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