Kultur

Frankenfestspiele Röttingen Premiere des Broadway-Musicals „Hello, Dolly!“ überzeugt auf ganzer Linie

Wenn alle nur nach Dollys Pfeife tanzen

Mit dem Musical „Hello Dolly!“ von Jerry Herman und Michael Stewart, einer Zeitreise in die 1890er Jahre, bedienen die Frankenfestspiele Röttingen ganz den Geschmack des Premierenpublikums am Donnerstag, das sich von einer fulminanten Show mit einigen Ohrwürmern begeistert zeigt. Tatsächlich zündet Intendant Lars Wernecke mit einem prächtig harmonierenden Ensemble im Hof der Burg Brattenstein das versprochene „Feuerwerk aus Musik, Tanz und einer amüsanten Handlung“. Die Inszenierung überrascht mit stilvollen Kostümen von Angela C. Schuett, dem Bühnenbild von Dirk Immich mit einem als Treppe angelegten Kegel auf einer Drehbühne sowie dreieckigen Litfaßsäulen, die mit einer Drehung die „Grand Central Station“ mitten zwischen New Yorker Hochhäusern, das ländliche Yonkers oder ein Nobelrestaurant bebildern. Genüsslich wird mit viel Sprachwitz jede Szene der im Grunde reichlich platten Liebeskomödie bis ins Detail ausgereizt.

Schon mit dem ersten Auftritt wird das Publikum in das Geschehen einbezogen, auch wenn die begrüßte Majestät an den ersten Tischen nicht auszumachen war. Ganz ohne Klangbrei wird mit Mikroports auf Deutsch textverständlich gesungen; nicht zuletzt ein Verdienst vor allem von Bandleader Rudolf Hild mit seinen neun Musikern: Wolfgang Kick ist am Keyboard der Mann für die Zwischentöne, Maria Voigt und Haiko Heinz würzen mit Violine und E-Gitarre aufwallende Liebesgefühle, während Posaunist Jochen Rothermel und Trompeter Christoph Lewandowski die quirlige Dolly oder ihre Entourage mit auftrumpfenden Klängen in Szene setzen. Kommen dann noch Matthias Zippel (Saxofon, Klarinette und Flöte), Karin Arnrhein (Saxofon, Klarinette) und Drummer Alexander Berger hinzu, ist nahezu der fette Sound perfekt, den man mit diesem Musical und 14 Songs verbindet.

Im zweiten Akt ist es dann soweit: Der Titelsong „Hello Dolly!“ wird mit viel Glanz und Glitter und einer toll von Julia Grunwald choreografierten Tanznummer zelebriert. Wer erinnert sich nicht an Louis Armstrong, der 1964 mit seiner Version als Nummer-Eins-Hit in den Vereinigten Staaten sogar die Beatles ablöste? Komponist Jerry Hermann hatte sich offenkundig von dem Song „Sunflower“ von Mack David inspirieren lassen, der sich dafür fürstlich entlohnen ließ.

Turteltäubchen unter der Haube

Im Mittelpunkt der turbulenten Handlung steht Dolly, eine „lustige Witwe“, die sich gerne als Heiratsvermittlerin betätigt, gerne aber auch mit ihrem „gewohnten Schnelldienst am Kunden“ wirbt, vom „Kegeln, Tauziehen bis zur Heilung von Krampfadern“ ist sie keinem Nebenverdienst abgeneigt.

Für den reichen Kaufmann Horace Vandergelder aus dem eher ländlichen New Yorker Vorort Yonkers arrangiert sie ein Treffen mit der Hutmacherin Irene Molloy und später mit der reichen Erbin Ernestina Money. Als der strenge Vandergelder dazu das Haus Richtung New York City verlässt, sehen seine Angestellten Barnaby Tucker und Cornelius Hackl ihre Chance gekommen, ihren Kampf ums tägliche Überleben für einen Tag zu vergessen und sich in der Metropole zu vergnügen.

Wen wundert es, dass sie planlos herumirren und plötzlich ihrem Chef in einem Hutgeschäft, dem von Dolly ausgesuchten Treffpunkt für das erste Date Vandergelders, über den Weg laufen. Doch längst hat Dolly selbst ein Auge auf den Kaufmann geworfen, gnadenlos nimmt sie dazu seine Schwächen aufs Korn. Die Situation eskaliert, als die beiden Angestellten Vandergelders mit der Hutmacherin und deren Mitarbeiterin Minnie Fay im Schlepptau in dem Edelrestaurant auftauchen, in dem auch der reiche Kaufmann mit der noch reicheren Universalerbin Money dinieren will. Außer sich vor Wut, entlässt er beide und wird dabei noch so handgreiflich, dass er sogar ins Gefängnis muss.

Inklusive einer völlig abgedrehten Gerichtsverhandlung alles arrangiert von Dolly, die den störrischen Esel nur so endlich bekehren kann. Reumütig erinnert er sich an Dollys Vorzüge und springt über seinen Schatten, indem er ihr nicht nur mit einem Kniefall einen Heiratsantrag macht. Wie viele Turteltäubchen die rührige Kupplerin bis dahin schon unter die Haube gebracht hat, sei nicht verraten.

Unbändige Spielfreude

Die Rolle der Heiratsvermittlerin Dolly Levi füllt Antje Rietz stimmlich und darstellerisch mit Akkuratesse aus. Den eigenbrötlerischen und knauserigen Kaufmann Horace Vandergelder gibt Ingo Brosch als knorrig-übelgelaunter strenger Chefs im eigenen Laden und einem Hagestolz, der in Liebesdingen völlig ahnungslos agiert. William Danne spielt seinen Handlungsgehilfen Cornelius Hackl, der in Abwesenheit des Patrons mit dem Kollegen Barnaby Tucker, den Sebastian Ciminski-Knille verkörpert, in New York die Puppen tanzen lassen will.

Ihrer Hutgeschäfte überdrüssig ist Irene Molloy, deren Rolle Marina Pechmann mit unbändiger Spielfreude ausfüllt. Ihr Vibrato bei dem biegsam präsentierten Song „Bunter Bänder trage ich am Hut“ ist reif für die Oper. Als deren Angestellte Minnie Fay agiert und singt Marie-Sophie Weidinger mit viel Charme. Ernestina Money – nomen est omen –, gibt eine reiche Erbin, verkörpert von Antje Eckhoff.

Die Rolle des Künstlers Ambrose Kemper spielt Tobias Rupprecht und Mirjam Baur bringt als Vandergelders Nichte Ermengarde einen weiteren Farbtupfer in die turbulente Handlung. Den beflissenen Oberkellner Rudolph Reisenweber mimt Frank Fiebig zum berühmten „Kellnergalopp“.

Das Extra-Ensemble nutzt geschickt die ungewöhnliche Breite der Bühne: „Komm zu Dolly“, der Männerchor mit „Man braucht ein Frauchen“ und der Polka-Wettbewerb sind optisch und akustisch erste Sahne.

Das 1964 am „St. James Theatre“ in New York uraufgeführte Broadway-Musical hat mit der Inszenierung in Röttingen nichts an Frische verloren; es gab immer wieder Zwischenapplaus, und glücklich gestimmte Premierenbesucher strömten aus dem nicht ganz gefüllten Burghof in Röttingen.

Der im Programmheft angekündigte Dreiklang aus Musical, Operette und Schauspiel hat jedenfalls mit einer stimmigen Inszenierung begonnen.

Die nächsten Aufführungen des Musicals „Hello, Dolly!“ sind am Samstag, 15. Juni, am Freitag, 21, Samstag, 22. Juni , und vom 12. bis 14. Juli um 20.30 Uhr.