Kultur

Klassik Ian Bostridge präsentiert die „Winterreise“

Wenn der Doktor singt

Man betritt das Feierabendhaus der Ludwigshafener BASF nicht völlig sorgenfrei. Hatte man Ian Bostridge doch schon mal beim Heidelberger Frühling „Winterreise“-Lieder singen hören – und war damals mit den vielen Manierismen des Tenors nicht allzu glücklich. Aber Bostridge gab nur eine kleine Auswahl aus den 24 „schauerlichen Liedern“. Diesmal ist es eine ganze „Winterreise“, und da achtet der Tenor viel mehr auf innere Geschlossenheit und zyklische Gesamtwirkung. Der Einstiegstitel „Gute Nacht“ strömt daher eher lyrisch und verhalten von der Rampe. Dazu passt, dass Julius Drake, seit langem Pianist von Bostridge, die Klavierbegleitung ausgesprochen fein dosiert. Und im Eröffnungsstück bloß tupft: „Sacht’, sacht’ die Türe zu!“, wie Wilhelm Müllers Textvorlage leise fordert.

Dass diese Gedichte immer schon von der Musik geträumt zu haben scheinen, wird im Ludwigshafener „Big Four“-Konzert oft wohllautend bestätigt. Bostridges Stimme kann balsamisch sein und manchmal gar an die des legendären „Winterreise“-Sängers Peter Pears erinnern, nicht bloß, wenn im „Frühlingstraum“ mit seinen „bunten Blumen“ kurz und trügerisch die Paradiespforte geöffnet wird. Aber natürlich überwiegen sonst meist Trauer und Verzweiflung, in der Höhe kann der Sänger expressive Klagelaute förmlich detonieren lassen. Als Historiker hat Bostridge einst in Oxford über Hexen promoviert. Und die Dämonen in der „Winterreise“ sind ihm gleichfalls eng vertraut, bekanntlich hat er über Schuberts Zyklus auch ein vielgelobtes Buch verfasst.

Guter Blick für das Ganze

Dass man im Feierabendhaus in Bostridges Deutsch ein paar verschluckte Konsonanten und verwaschene Vokalfarben vernimmt (die Mädchenaugen etwa „glühen“ nicht, sondern verschwimmen leicht), spielt keine große Rolle. Wichtiger erscheint, dass der Tenor zwar jedem Lied zu scharfen Umrissen verhilft, sich aber nicht, wie sonst manchmal, in winzigen Details verliert. Dass er nichts zu sehr überfrachtet – Schuberts Winter-Wanderer hat schon genug zu tragen. Auch für diese Einsicht gibt es Bravo-Rufe. 

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