Kultur

Festival In Venedig beginnen heute die 75. Internationalen Filmfestspiele / Henckel von Donnersmarck als Hoffnungsträger

Wenn die Gondeln Löwen tragen

Archivartikel

Zum 75. Mal geht auf dem Lido, Venedigs vorgelagerter Badeinsel, vom 29. August bis 8. September die Mostra Internazionale d’Arte Cinematografica über die Bühne. Die 1932 gegründete Filmschau, das neben Cannes und Berlin älteste A-Festival der Welt, steht laut Aussage der Verantwortlichen wieder im Zeichen der Filmkunst. Auf Dialog und das Recht freier Meinungsäußerung wird gesetzt. „Klasse statt Masse“ lautet erneut das Motto. Und das nicht ganz freiwillig: Hat doch Alberto Barbera, ehemals Filmkritiker, im siebenten Jahr als Festivalchef im Amt, mit einem relativ knappen Budget, ewigen (Polit-) Querelen und der stetig wachsenden Zahl von Festivals zu kämpfen – hoch gehandelte Werke mit großen Namen sind hart umworben.

21 Filme laufen im Wettbewerb, einen Goldenen sowie diverse Silberne Löwen vergibt unter Vorsitz des Mexikaners Guillermo del Toro („Shape of Water“) die neunköpfige Jury, der unter anderem Christoph Waltz und Trine Dyrholm angehören. 19 Produktionen umfasst die Reihe Orizzonti, die – vergleichbar mit dem Forum der Berlinale – nach neuen Trends im internationalen Film sucht und gerne unkonventionelle oder experimentelle Arbeiten vorstellt. Bei Filmfans beliebt ist die Sektion Venezia Classici, in der seit 2012 restaurierte Klassiker gezeigt werden. Höhepunkte sind dieses Jahr sicherlich Luchino Viscontis „Tod in Venedig“, Alain Resnais’ „Letztes Jahr in Marienbad“ oder Paul Wegeners „Der Golem – Wie er in die Welt kam“ und Peter Bogdanovichs Buster-Keaton-Hommage „The Great Buster: A Celebration“.

Netflix-Produktionen am Start

Für Deutschland geht Florian Henckel von Donnersmarck mit „Werk ohne Autor“ in die Wettbewerbskonkurrenz. Um leidenschaftliche Liebe, Kunst und deutsch-deutsche Geschichte kreist das aufwendige, mit viel Liebe zum Detail gestaltete Epos, das mit Tom Schilling, Sebastian Koch und Paula Beer in den Hauptrollen besetzt ist. Als Eröffnungsfilm wurde Damien Chazelles („La La Land“) „First Man“ über den US-Astronauten Neil Armstrong (Ryan Gosling) ausgewählt. Gespannt darf man auf drei Netflix-Produktionen sein: den Western „The Ballad of Buster Scruggs“ von Joel und Ethan Coen, das Drama „Roma“ von Alfonso Cuarón sowie „22 July“ von Paul Greengrass, der sich wie jüngst der Norweger Erik Poppe in „Utøya 22. Juli“ mit dem Amoklauf von Anders Behring Breivik auseinandersetzt. Nicht nur aus italienischer Sicht ist Luca Guadagninos Neuauflage von Dario Argentos Kriminalfilm-Hit „Suspiria“ von Interesse.

Cineasten dürfen sich auf „The Other Side oft he Wind“ freuen, das letzte, bislang nicht fertiggestellte Projekt des Leinwandmonomanen Orson Welles („Citizen Kane“). Als Publikumsrenner sollte sich das Regiedebüt von Bradley Cooper („Hangover“) entpuppen, der ein Remake des Musicals „A Star Is Born“ gewagt hat und als Hauptdarstellerin Lady Gaga verpflichten konnte.

Unter den Sonderaufführungen ist Terrence Malicks Langfassung von „Tree of Life“ – dafür gab es 2011 in Cannes die Goldene Palme –, zu sehen. Entdeckungen kann man wie gewohnt in den unabhängig organisierten Reihen Settimana Internazionale della Critica (Internationale Kritikerwoche) und Giornate degli Autori – Venice Days (Autorentage) machen.