Kultur

Lesen.Hören Schlecky Silbersteins Kritik an den „sozialen Medien“

Wenn die Kommunikation im Internet zur Sucht wird

Archivartikel

„Das Internet muss weg“, fordert Schlecky Silberstein im Titel seines aktuellen Buches. Das klingt radikal. Erst recht für einen Blogger wie Silberstein, für den das Internet etwa das ist, wie für den Arbeitnehmer das Büro oder für den Arbeiter die Montagehalle. Aber um öffentliche Aufmerksamkeit zu erlangen, sind offenbar steile Thesen nötig. Wer wüsste das besser als der Autor selber, der in der Mannheimer Alten Feuerwache auf einem schmalen Grat balanciert – als Nutzer eines Mediums, das er zugleich kritisiert.

Tatsächlich wird Silberstein seine buchgewordene These dann auch relativieren. Das, was weg muss, seien die Auswüchse des Internets seit dem 9. Februar 2009. Mit diesem Tag sei die Einführung des Facebook-Like-Buttons verknüpft. Damit sei ein Interaktions- und Kommunikationssystem geschaffen worden, das eine latente Sucht nach sozialer Bestätigung erzeugt. Die Kollateralschäden seien in etwa mit denen einer Spielsucht vergleichbar.

Dass sich einer, der in diesem Netz zu Hause ist, seine individuelle Urteilskraft bewahrt hat, mag schon bemerkenswert genug sein. Bei seiner Lesung in Mannheim unterlegt Schlecky Silberstein seine kritischen Thesen obendrein mit einem ironischen Grundton, der die Seriosität seiner Gedanken zwar nicht infrage stellt, ihre Wirkung aber entdramatisiert. Humor als probates Mittel, um einen Gegenstand zu entschärfen, der fehlende Distanz mit kompromissloser Absorption bestraft.

Stressfalle E-Mails

So weit muss es nicht kommen, verspricht der Autor, der konkrete Tipps gibt, wie sich der Suchtfaktor im Umgang mit den „sozialen“ Medien auf ein erträgliches Maß reduzieren ließe. Gesunder Menschenverstand gehört dazu, etwa um die Stressfallen bei der Nutzung von E-Mails zu erkennen oder zu verstehen, warum die Empörungskultur in den Netzen die Rückkehr von rechts- und autoritätsorientierten „Arschlöchern“, wie sie Silberstein politisch völlig unkorrekt nennt, begünstigt.

„Das ist die Zeit, in der wir leben“, schließt der Autor mit dem Blick eines Beobachters, der genau weiß, was gespielt wird. Und wo die Tücken des Komforts stecken, mit dem uns das Internet gefügig machen will. Die davon profitieren, kennen wir nicht. Sie uns umso besser. urs