Kultur

Auszeichnung Am kommenden Donnerstag verleiht die Schwedische Akademie den Literaturnobelpreis / Vergabe 2019 sorgte für internationale Kritik

Wer folgt auf Olga Tokarczuk und Peter Handke?

Archivartikel

Es hätte so entspannt laufen können: Wäre die Schwedische Akademie bei der Doppelvergabe der Literaturnobelpreise 2019 mit zwei soliden Preisträgern auf Nummer sicher gegangen, dann wäre die Krise vermutlich ein für alle Mal beendet gewesen. Stattdessen wählte die Institution neben Olga Tokarczuk Peter Handke als Preisträger aus – und geriet damit abermals ins Kreuzfeuer.

„International betrachtet ist das eine mindestens mittelgroße Krise gewesen“, sagt der Kulturchef der schwedischen Zeitung „Dagens Nyheter“, Björn Wiman, über Handkes Auszeichnung. Ein Jahr nach dem Skandal um Katarina Frostenson und ihren Ehemann Jean-Claude Arnault sei die Akademie von der einen Krise in die andere gestolpert.

Rückblende: Der Skandal war im November 2017 im Zuge der #MeToo-Enthüllungen ins Laufen gekommen, nachdem 18 Frauen Anschuldigungen wegen sexueller Belästigung und Übergriffen gegen Arnault vorgebracht hatten. Wegen Vergewaltigung wurde er zu zweieinhalb Jahren Gefängnis verurteilt. Zudem warf die Akademie ihrem Mitglied Frostenson und Arnault vor, die Preisträger verraten und so gegen ihre Geheimhaltungspflicht verstoßen zu haben. Das Resultat: 2018 wurde kein Preis vergeben.

Mittlerweile hat sich die Lage beruhigt. Dass sie sich nun bei der Bekanntgabe des Preisträgers am kommenden Donnerstag ein neues Problem schaffen wird, damit rechnet Wiman nicht. „Ich glaube, dass sie eine sichere Wahl treffen werden.“

197 nominierte Kandidaten kommen dafür infrage. Wer auf der Liste steht und wer am Ende den Literaturpreis mitsamt zehn Millionen Kronen (rund 950 000 Euro) erhalten wird, darüber lässt sich wie üblich nur spekulieren. Eine Antwort wird es erst geben, wenn der Ständige Sekretär Mats Malm um 13 Uhr im prunkvollen Börshuset in der Stockholmer Altstadt vor die Presse tritt.

Kincaid und Atwood favorisiert

An Kandidaten mangelt es nicht. „Man müsste eigentlich immer viele Nobelpreise vergeben“, sagt Literaturkritiker Denis Scheck. „Ich vertrete seit vielen Jahren die Ansicht, dass Thomas Pynchon den Literaturnobelpreis nun wirklich verdient hätte.“ Mit Werken wie „Gravity’s Rainbow“ (Die Enden der Parabel) und „Against the Day“ (Gegen den Tag) sei er einer der großen Innovatoren der Prosa des vergangenen und des laufenden Jahrhunderts gewesen.

Allerdings schätzt Scheck die Aussichten für einen weißen US-Amerikaner als gering ein. Auch an einen deutschen Preisträger glaubt er nicht – obwohl er einen Favoriten hätte. „Die Jury würde eine kluge Entscheidung treffen, wenn sie Hans Magnus Enzensberger küren würde.“ Der habe sich immer wieder neu erfunden und dabei auch das Lachen nicht vergessen. „Und wenn es Martin Walser würde, dann würde ich mich auch freuen, sehr sogar.“

Scheck nennt noch drei weitere Namen: Den Somalier Nuruddin Farah, der viel mehr als nur ein Chronist des Bürgerkriegs sei. Verdient habe es auch US-Autor Richard Ford, der psychologische Raffinesse mit stilistischer Brillanz verbinde. Und dann wäre da noch Margaret Atwood, die schon seit längerem immer wieder gehandelt wird. „Sie ist eine Autorin, die verschiedene Konzepte in einer Art literarischer Kernfusion miteinander verschmilzt.“

Wohl wenig Chancen für Europäer

Auch Wiman sieht in Atwood eine gute Wahl. Seine Favoritin ist aber eine andere. „Ich denke, es sollte Jamaica Kincaid werden“, sagt er. „Sie ist eine brillante Schriftstellerin und auch eine intellektuelle Person – das ist etwas, was Handke nicht verkörpert.“ Kincaid stammt von der Insel Antigua und lebt in den USA. Unabhängig davon ist sich Wiman aber sicher: „Es wird diesmal kein Preisträger aus Europa.“ 

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