Kultur

Venedig Am Samstag werden die begehrten Preise des Internationalen Filmfestivals am Lido verliehen

Wer holt den Goldenen Löwen?

Präsidentin Lucrecia Martel und ihre venezianische Wettbewerbsjury sind wahrscheinlich ein bisschen in der Zwickmühle. Wie gehen sie bei ihren Entscheidungen für den Goldenen Löwen und die anderen Auszeichnungen am besten mit Roman Polanski und seinem historischen Krimidrama „J’accuse“ um? Sollte er keinen Preis bekommen, könnte der Jury Voreingenommenheit vorgeworfen werden, zählte der von der Kritik hochgelobte Film doch zu den starken Beiträgen des diesjährigen Wettbewerbs. Aber was für ein Signal wäre es wiederum in Zeiten von #MeToo, den 86-jährigen Regiealtmeister mit einem der großen Preise auszuzeichnen – immerhin geht es in seinem Fall um Sex mit einer Minderjährigen in den 1970ern und Vorwürfe sexueller Übergriffe? Oder was wenn die Jury ihn einfach nicht wirklich auszeichnungswürdig findet? Es ist schwierig, wie man es auch dreht und wendet.

Eigenwillig und frei

Der Wettbewerb bot immerhin mit einigen löwenverdächtigen Alternativen durchaus Auswege – auch wenn das Festival keinen klaren Favoriten hervorgebracht hat. Pablo Larrains „Ema“ dürfte auf jeden Fall zum engeren Kreis der Verdächtigen zählen: die Geschichte eines unkonventionellen Paares (Gael Garcia Bernal und Mariana Di Girolamo), das nach der gescheiterten Adoption die Koordinaten der eigenen Beziehung neu festlegt. Der Chilene inszeniert das sperrig, mitunter anstrengend, aber auch mit hoher audiovisueller Energie im Rhythmus bebender Tänze und aus der Perspektive einer weiblichen Hauptfigur, die eine passende Antwort ist auf aktuelle Diskussionen über Frauenbilder und Gleichberechtigung: sexuell offen, eigenwillig, frei.

Vom Auftakt-Duo Juliette Binoche und Catherine Deneuve bis zu Kristen Stewart, die außer Konkurrenz in „Seberg“ als die 1979 verschwundene Schauspielerin Jean Seberg aufspielte – Frauen konnten auf der 76. Mostra manch starken Akzent setzen. Trotz der Tatsache, dass nur zwei Regisseurinnen in den Wettbewerb eingeladen waren, was die ewige Diskussion um die Berücksichtigung von Filmemacherinnen in der Konkurrenz noch einmal befeuert hat.

Beide Filmemacherinnen steuerten interessante Beiträge bei, die auf der Preisträgerliste durchaus auftauchen könnten: Die australische Regiedebütantin Shannon Murphy zeigte mit „Babyteeth“ ein sensibles und gut gespieltes Familiendrama um eine krebskranke Schülerin, die sich zu einem drogensüchtigen Mittzwanziger hingezogen fühlt. Haifaa Al Mansour hingegen gab mit der deutschen Koproduktion „The Perfect Candidate“ einen Einblick in die verschlossene Gesellschaft ihrer Heimat Saudi-Arabien und beleuchtete die kleinen Schritte der Veränderung – auch für Frauen(rechte) in der patriarchalen Gesellschaft.

Bei den Männern sorgte derweil Brad Pitt in James Grays „Ad Astra“, der wuchtig introspektiven Space-Meditation mit Vater-Sohn-Problematik, für einen von zahlreichen Glamourschüben am roten Teppich. Der Film könnte durchaus ein Kandidat für den Regiepreis sein und sorgte wie ein paar andere Beiträge schon für ersten Oscar-Alarm. Als beste Darsteller – und ebenfalls mit Oscar Potenzial – drängen sich andere auf. Acht Minuten Standing-Ovations etwa bekam Joaquin Phoenix für sein beängstigend intensives Spiel als Joker in der gleichnamigen Entstehungsgeschichte des späteren Batman-Gegenspielers. Ob das die Jury beeindrucken kann? Adam Driver, der in Noah Baumbachs Scheidungsdramödie „Marriage Story“ mit einer ebenso hervorragenden Scarlett Johansson im Trennungs- und Sorgerechtskrieg liegt, wäre da die feinfühligere Alternative.

Nach dem Zwischentief

Wie so oft in Venedig verlor das Festival nach der ersten Hälfte an Schwung. Nachdem Highlights und Stars in den ersten Tagen in hoher Taktung auf dem Lido zu sehen waren, mischten sich zunehmend etablierte Autoren in mittelmäßiger bis schwacher Form in die Auswahl.

Doch bei Festivals können nach einem Zwischentief auch Beiträge auf den allerletzten Metern die Spekulation noch einmal auf den Kopf stellen. Eher unwahrscheinlich scheint das aber im Fall von „Waiting for the Barbarians“ nach dem Roman und Drehbuch von Nobelpreisträger J.M. Coetzee – einem prominent besetzten Drama (unter anderem mit Robert Pattinson), das sich zu plakativ und betulich mit Kolonialismus auseinandersetzte. Immerhin aber brachte der Film zum Finale mit Johnny Depp und Mark Rylance noch einmal etwas Starrummel an den Sala Grande.

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