Kultur

Jazz Clayton-Hamilton Orchester liefert in Ludwigshafen kompakte Klänge / Cécile McLorin Salvant lebt ihre stimmliche Freiheit aus

Wie ein Piranha im Forellenteich

Archivartikel

Ein bereits ein wenig älteres, spätbürgerliches Publikum hat sich ins Feierabendhaus der Ludwigshafener BASF begeben. Wenn das dritte Sinfoniekonzert der laufenden Saison auf dem Programm stünde, wäre man auch kaum überrascht. Es kommen allerdings „nur“ 19 Musiker: die Mitglieder des Clayton-Hamilton Orchesters, das seit über drei Jahrzehnten zu den besten Bigbands in den USA zählt. In der Klassik wären 19 Musiker nicht allzu viel, aber nicht nur in Sachen Lautstärke lässt sich der Panzerkreuzer aus Amerika – wiewohl aus eher leichtem Blech bestehend – keinerlei Enthaltsamkeit zuschulden kommen. Schon im allerersten Stück beißt sich die Leadtrompete durch wie ein Piranha im Forellenbecken.

Einer Dampfwalze gleich

In den schnellen Nummern wird ein wunderbarer Lärm entfacht, man könnte dieses Jazzorchester höchstwahrscheinlich auch noch hören, wenn es Open-air am Times Square in New York auftreten würde, mitten im Verkehrschaos. Im Feierabendhaus muss man sich manchmal anschnallen, denn alles hat hier XXL-Format, die Bigband kann wie eine Riesendampfwalze im fünften Gang daher brettern. Mit matter Denkmalpflege hat das also nichts gemein, obwohl wir es stilistisch oft mit nur behutsam aktualisiertem Swing und Bop zu tun haben. Und höchstens moderat modernem Mainstream.

Denn das Clayton-Hamilton Orchester ist ein Kind der 1980er, als sich der Neotraditionalismus mächtig regte. Künstlerischer Konservativismus zeigt sich hier indessen von seiner vitalsten Seite, und die ganze Macht und Herrlichkeit des musikalisch Überkommenen feiert durchaus Triumphe. Etwas Neueres wie eine Schmusenummer des „großen Jazz-Komponisten“ Billy Joel (wie Co-Leader Jeff Hamilton am Schlagzeug flachst) wird zwanglos eingemeindet, hört sich an, als habe sie nie etwas anderes als – diesmal ausnahmsweise zarte – Bigband-Sounds im Sinn gehabt. John Clayton, nicht allein der Dirigent und Arrangeur, sondern bisweilen auch der Mann am Kontrabass, spielt dazu mit sensiblem Strich ein Solo, dessen Tonreinheit indessen leicht getrübt ist. Und das wiederholt sich: Claytons Bass bringt eine fast ein bisschen irritierende Zerbrechlichkeit ins sonst oft dezidiert robuste Bigband-Umfeld. Wo Jeff Hamilton, obgleich er auch zu balladeskem Besenspiel befähigt ist, den Puls der Stücke meistens bretthart festklopft.

Zwangloser Zugang zu Klassikern

Hamilton erweist sich als das Herz der Band, der einer ihrer Chefs und Starsolisten derzeit leider fehlt: Jeff Clayton sei recht ernst erkrankt, erklärt sein Bruder John. Aber da gibt es ja noch einen „Special Guest“ im Feierabendhaus: die Sängerin Cécile McLorin Salvant. Ihre Stimme sei zugleich „sehr neu und sehr vertraut“, erläutert Enjoy-Jazz-Chef Rainer Kern. Die 29 Jahre alte Salvant steht nun einmal in der Tradition der großen schwarzen Vokalistinnen, mit denen jedes Jungtalent verglichen wird. Da gibt es kein Pardon. Man nannte sie bereits „Billie mit Brille“, aber eine neue Billie Holiday ist sie zum Glück nur eingeschränkt. Weil sie viel mehr verkörpert: Einerseits zwar schon die große Stimmdarstellerin und manchmal auch -tragödin, die den ausgewählten Song wirklich durchlebt und -leidet und kein Wort der Lyrics unbeachtet lässt. Doch diese Eigenschaft der späten Billie Holiday vermählt sich mit dem Stimmumfang der frühen Sarah Vaughan. Eine Steigerung gewissermaßen.

Mit „I Hate A Man Like You“ beginnt sie, und ein Wutgesang, eine Gardinenpredigt bricht sich Bahn – man möchte nicht besonders dringend in der Haut des Delinquenten stecken. Dann erfolgt ein harter Schnitt, denn „es gibt immer beides“, wie die Sängerin in Ludwigshafen seufzt: Sie lässt die weiche Beatles-Paraphrase „And I Love Him“ folgen, die das originale „And I Love Her“ zwar nicht unter, aber hinter sich zurücklässt. Höchste Traditionsverbundenheit und größte Freiheit in der Aneignung der Klassiker verbinden sich. So gibt es nur ein einziges Problem: Cécile McLorin Salvant schenkt ihren Zuhörern, inklusive zweier Zugaben, bedauerlicherweise bloß ein gutes halbes Dutzend ihrer visionären Stimmband-Kunststücke.

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