Kultur

Jugendstilbau Von Beuys bis Baerwind – Sonderschau zur Geschichte des Hauses / Die drei bis heute die Kunstszene prägenden Mannheimer Ausstellungen von 1925, 1957 und 1975 stehen im Fokus

Wiedersehen mit den alten Lieblingswerken

Archivartikel

Endlich! Das ist das Erste, was man denkt. Endlich kann man wieder hin, in diese alten, vertrauten, bei aller Faszination des Neuen doch wunderschönen Räume des Jugendstilbaus. Endlich kann man wieder alte Meister und auch wichtige Mannheimer Künstler sehen. Ja – und endlich wuchert die Kunsthalle mal wieder mit ihrem großen Kapital, nämlich ihrer bedeutenden Geschichte, ihrem großen Einfluss auf die Kunst.

Vier Räume im Ostflügel mit insgesamt 70 Werken umfasst die Ausstellung „Erinnern. Aus der Geschichte einer Institution“. Das ist nicht viel. Aber auch im Neubau sowie in der „Provenienz“-Sonderschau begegnen einem ja viele Gemälde und Plastiken, die man liebgewonnen hat – wie Manet, Cézanne, van Gogh, Beckmann, Dix und Grosz, Bacon oder Rodin, Lehmbruck und Giacometti. Daher reicht der überschaubare Platz aus, konzentriert, gut nachvollziehbar und mit aktuellen Bezügen drei ganz wichtige Etappen der Geschichte der Kunsthalle darzustellen.

„Es geht nicht darum, dass wir alte Ausstellungen rekonstruieren“, stellt Inge Herold klar, die stellvertretende Direktorin und Kuratorin dieser Ausstellung, „das ginge heute gar nicht mehr“. Aber ihr gebührt das Verdienst, die Erinnerung auf eine Weise wachzurufen, die nicht nur an längst vergangene Epochen anknüpft, sondern deren langfristige Bedeutung für das Haus wie die ganze Kunstszene deutlich macht.

Ankäufe aller Epochen

Sie zeigt stets, welche Werke damals angekauft worden sind oder spätere Ankäufe inspirierten, setzt den alten Werken zudem als punktuellen Kontrast auch wenige zeitgenössische Positionen gegenüber. „Es sind teils Stücke, die so noch nie oder schon lange nicht mehr zu sehen waren, die gründlich restauriert worden sind“, erläutert Herold.

Die alte Rheinbrücke von Ludwigshafen aus, dahinter die Jesuitenkirche – auf dieses Bild fällt der erste Blick. Es stammt von Xaver Fuhr, jenem Maler, nach dem die Straße beim Maimarktgelände benannt ist. In der Nähe hängt sein „Gummibaum“. Stillleben, Porträts, Landschaften – was heute viele Betrachter als „schön“ empfinden, war zur Entstehungszeit, in den 1920er Jahren, gar nicht unumstritten, galt mal als viel zu idyllisch, dann wieder als zu sozialkritisch.

„Neue Sachlichkeit. Deutsche Malerei seit dem Expressionismus“ hieß die Sonderschau, die Kunsthallen-Direktor Gustav Hartlaub 1925 mit 32 Künstlern initiierte. Mit dem Ausstellungstitel schrieb er Kunstgeschichte, prägte den Namen der Stilrichtung – was noch heute weltweit unter Kennern und in Lexika mit Mannheim verbunden wird.

Abstrakte Malerei

Mitte der 1950er Jahre ist es dann Direktor Heinz Fuchs, der spürt, dass eine neue Form der abstrakten Darstellung entsteht – und der sich an die Spitze der Bewegung setzt. „Eine neue Richtung in der Malerei“ nannte er 1957 die Ausstellung mit 19 jungen deutschen Künstlern, die das taten, was man später unter dem Begriff der „abstrakten Malerei“ fasst. Da darf eine Arbeit des Mannheimers Rudi Baerwind nicht fehlen.

Und auch im dritten Kapitel begegnet man einem Mannheimer: Walter Stallwitz. Gegenüber hängt Joseph Beuys’ „Filzanzug“, und Heinz Fuchs scheint dazu zu lächeln – wenn man das den nur angedeuteten Zügen seines Selbstbildnisses entnehmen kann, das er aus Draht schuf. Denn Fuchs war es auch, der 1975 den Anstoß zur dritten großen, wichtigen Sonderschau in der Geschichte gab, an die Herold erinnert: „Der ausgesparte Mensch“.

Fuchs erkannte den damals neuen Trend, dass sich Kunst mit Menschen befasst, sie aber in dem Werk fehlen, weil der Filzanzug eben leer ist, weil statt einer Person nur Schatten zu sehen sind. Dass Menschen verschwinden, dass man sie verschwinden lässt oder ihre Bedürfnisse ignoriert – das ist aber keinesfalls Geschichte, sondern soll auch heute noch vorkommen.

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