Kultur

Stuttgarter Komödie

„Wir sind die Neuen“

Archivartikel

Vor fünf Jahren hatte die deutsche Filmkomödie „Wir sind die Neuen“ in München Premiere. Der Drehbuchautor und Produzent war der damals 44-jährige Ralf Westhoff, der auch Regie führte. Aus dem Film machte er ein Theaterstück und das ist in der Stuttgarter Komödie im Marquardt, als Koproduktion mit dem Essener Theater im Rathaus, inszeniert von dessen Direktor René Heinersdorff, zu sehen.

Die 60-jährige Biologin Anna muss ihre Münchner Stadtwohnung aufgeben. Allein kann sie sich keine andere leisten. So erinnert sie sich an ihre WG-Mitbewohner aus Studentenzeiten. Und siehe da, es klappt mit der WG-Neuauflage, mit dem engagierten Rechtsanwalt Johannes und dem pensionierten Lehrer Eddie. Wohl harmoniert das Trio nicht, wie es eigentlich sein sollte. Aber wen wundert es nach dieser langen Zeit der Trennung, in der jeder seinen eigenen Weg gegangen ist.

Generationenkonflikt

Mehr Schwierigkeiten gibt es aber mit einer Studenten-WG von heute, die im Stock darüber zusammenlebt. Denn die Alt-68-er sind noch jung geblieben und verhalten sich dementsprechend. Dagegen sind die Jungen geradezu alt. Sie halten sich an die Hausordnung, machen die Kehrwoche, auch wenn es gar nicht nötig ist, vertragen nicht den Lärm, den ihrer Meinung nach die ausgelassenen Alten einen Stock unter ihnen machen, haben nur ihr Examen vor Augen, kommunizieren miteinander mit Hilfe des Laptops und bezichtigen die Neuen, „Freunde des Wählscheibentelefons“zu sein.

Doch dann kommt überraschend die Wende. Von den Jungen ist Thorsten, ein Jura-Student, gesundheitlich nicht auf der Höhe und hat es mit der Bandscheibe zu tun. Seine Kommilitonin Katharina büffelt aufs Erste Staatsexamen, hat aber keinen Durchblick und begreift die Zusammenhänge in der Rechtswissenschaft nur schwer. Und Barbara, die den Bachelor in Kunstgeschichte machen will, hat Liebeskummer.

Da kommen ihnen die Alten zu Hilfe. Anna macht mit Thorsten Gymnastik. Johannes strukturiert für Katharina das komplexe Gebiet der Jurisprudenz. Und Eddie, der alte Schwerenöter und routinierte Liebhaber, vermittelt Barbara das notwendige Selbstbewusstsein, um sich nicht weiterhin von ihrem Partner ausnutzen zu lassen.

In dieser Komödie wird aber nicht nur der Generationenkonflikt einmal anders angesprochen, da kommen auch Themen zur Sprache, die heute von allgemeinem Interesse sind, etwa die Wohnungsnot, die vergebliche Suche nach bezahlbarem Wohnraum oder die sogenannten Regelstudienzeiten. Und so hat denn auch Ralf Westhoffs „Wir sind die Neuen“ nicht nur eine komische, sondern auch eine ernste Seite.

In der Inszenierung von René Heinersdorff steht aber die komische Seite im Vordergrund.

Die Bühne hat Thomas Pekny mit dünnen Holzstäben und viel Luft dazwischen transparent ausgestattet.

In diesem Rahmen gestalten die sechs von Andreas Gravemann ihrem Alter und ihrer Profession entsprechend kostümierten Darsteller ihre Rollen an der Realität orientiert, wenn auch zuweilen ein wenig überzogen.

Joachim H. Luger, über 30 Jahre lang der Hans Beimer in der „Lindenstraße“, ist Johannes, ein seiner Aufgabe als hilfsbereiter Rechtsanwalt glaubhaft nachkommender Charakterschauspieler.

Als eigenwillige Anne, die sozusagen immer wieder das Heft in die Hand nimmt, überzeugt Simone Rethel. Sich geschickt den Gegebenheiten anpassend, gibt Lutz Reichert den in der neuen und alten WG gut zurechtkommenden Eddie.

Ein nicht nur der Bandscheibe wegen etwas steifer Thorsten ist Florian Gierlichs. Einerseits etwas naiv, andererseits durchaus jugendlich sympathisch zeichnet Katarina Schmidt die Katharina. Ihren Liebesschmerz lebt Julie Stark als Barbara aus. Dieter Schnabel