Kultur

Hintergrund Vergabe-Gremium des Nobelpreises tut sich mit einem Neuanfang schwer / Wahl von Peter Handke sorgt weiterhin für Diskussionen

Wird 2020 das ersehnte Jahr der Ruhe?

Archivartikel

Für einen Augenblick wirkt es so, als sei alles wieder beim Alten bei der Schwedischen Akademie: Im Börsensaal der Institution in der Altstadt von Stockholm beantwortet Literaturnobelpreisträgerin Olga Tokarczuk geduldig die Fragen der Journalisten. Unter Kronleuchtern spricht sie über ihre Werke, ihre Heimat und den Stolz, als 15. Frau mit dem Preis geehrt zu werden. Tokarczuk ist eine ausgezeichnete, charmante Preisträgerin. Im Saal wird viel genickt, man kann fast von Wohlfühl-Stimmung sprechen. Und doch kommt alles anders für die Akademie – weil eben doch nicht alles beim Alten ist.

Neu ist etwa, dass sich nach Tokarczuk gleich ein zweiter Preisträger den Fragen stellt, schließlich musste die Akademie nicht nur den Preis für 2018 nachholen, sondern auch einen für 2019 vergeben – und mit letzterer Wahl fangen die neuen Probleme der Akademie an. Peter Handke windet sich an diesem Dezembertag, seinem 77. Geburtstag noch dazu, um wiederholte Fragen zu seiner umstrittenen Haltung zum Jugoslawien-Konflikt. Erst wirkt er ratlos, dann gereizt. Den leeren Fragen der Journalisten ziehe er gar das mit einer Kalligraphie von Fäkalien verzierte Klopapier vor, das ihm jemand anonym geschickt habe, sagt der österreichische Schriftsteller – und die Schwedische Akademie ist um neuen Ärger reicher.

Dabei sollte alles so viel besser werden bei der altehrwürdigen Institution. Ins Jahr 2019 war man mit dem Versprechen gegangen, nach dem Skandal um Akademiemitglied Katarina Frostenson und ihren wegen Vergewaltigung verurteilten Ehemann Jean-Claude Arnault einen Erneuerungsprozess zu verfolgen. „Die Entwicklungsarbeit geht weiter, und jetzt bin ich dafür verantwortlich, dass es so gut wie möglich wird“, erklärte der neue Ständige Sekretär Mats Malm, bevor er zum 1. Juni seinen Posten einnahm.

Vier neue Frauen aufgenommen

Und in der Tat ging es 2019 voran: Während andere Mitglieder zurückkehrten, verließ Frostenson die über sie zerstrittene Akademie, der sie seit 1992 angehörte. Auf der jährlichen Hauptversammlung der Institution kurz vor Weihnachten wurden vier und damit so viele neue Mitglieder zugleich wie seit 1786 nicht mehr aufgenommen, alle weiblich. Sechs der 18 Stühle der Mitglieder sind nun mit Frauen besetzt. Stuhl Nummer fünf ist seit dem Tod des langjährigen Mitglieds Göran Malmqvist im Oktober vakant.

Trotz der Fortschritte ist der große Befreiungsschlag aber ausgeblieben. Auf das Jahr der Krise um Arnault, der wegen seines Einflusses auf die schwedische Kulturwelt einst als „19. Akademiemitglied“ galt und mittlerweile in Göteborg im Gefängnis sitzt, folgte das Jahr der mittelgroßen Kontroverse um Handke. Für 2020 steht somit nicht nur die Suche nach einem Nachfolger Malmqvists an, sondern auch die Suche nach Einheit und Geschlossenheit.

Boykott und Austritte

Der Ständige Sekretär Malm erklärte auf der Hauptversammlung, Traditionen gäben eine Form von Stabilität – die Überprüfung von Traditionen eine andere. „Die Akademie setzt ihre Erneuerungs- und Reformarbeit 2020 fort und wahrt gleichzeitig ihre Autonomie, ihre Eigenart und ihre Traditionen“, kündigte er an. Schwer zu leugnen ist, dass die Nobelpreisvergabe an Handke diesem Prozess nicht guttat. Zwei externe Mitglieder des erweiterten Nobelkomitees traten aus, eines davon nannte Handkes Auswahl explizit als Begründung. Akademiemitglied Peter Englund boykottierte gar die Nobelpreisfestlichkeiten. „Peter Handkes Nobelpreis zu feiern, wäre von meiner Seite grobe Heuchlerei“, sagte der frühere Ständige Sekretär der Institution. Einheit sieht anders aus.

Der Kulturchef der Zeitung „Dagens Nyheter“, Björn Wiman, schrieb, nicht Handke müsse sich für den Preis schämen, sondern die Akademie. Die Vergabe zeige, was sich verändert habe: kaum etwas. Besonders am Begriff „literarische Wahrheit“, mit dem sowohl Handkes Haltungen als auch Frostensons Verteidigung ihres Mannes in ihrem Buch „K“ in Schutz genommen werden, nimmt er Anstoß. „Völkermord? Vergewaltigungen? Gerichtsurteile? Für so etwas gibt es keinen Platz in der Welt der literarischen Wahrheit.“

Die Kontroverse hatte für die Akademie aber auch einen Vorteil: Weil sich alle Blicke auf den umstrittenen Preisträger konzentrierten, wurde für eine Zeit kaum noch über die Krise geredet. Doch kaum sind die Preise vergeben, ist Arnault wieder Thema – wegen des Buches „Klubben“ der „Dagens Nyheter“-Journalistin Matilda Gustavsson, die den Skandal mit einer Reportage im November 2017 ins Rollen gebracht hatte. dpa

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