Kultur

Freier Tanz im Delta Festival mit brillanten Choreographien

Witz trifft auf Abgründigkeit

Er entzückt, unterhält, wühlt auf, zehrt an den Nerven, verstört und springt mit seinen Zuschauern über Wolken – der vierte Festivalabend von Freier Tanz im Delta. Mit anderen Worten: Es ist ein großer Abend, auf bestechend hohem tänzerischen, choreographischen und dramaturgischen Niveau, der im Mannheimer Theater Felina-Areal zu erleben ist.

Er beginnt mit den breiten Schultern und aufgeplusterten Brustkörben von „Kevin und Mesud auf Tinder“, eine Performance von und mit den jungen Mannheimer Choreographinnen Barbara Weinmann und Barbara Zebinger, die zwei Modell-Macker verkörpern, die mit stumpfer Penetranz um eine Frau (dargestellt von einem Besen mit blonder Perücke) buhlen und streiten: kurz, gut, bissig und sehr lustig. Es folgt ein ausgewiesenes Glanzstück: „Nur immer allein“ von Stefano Giannetti, vormals Ballettdirektor des Pfalztheaters Kaiserslautern, fühlt sich an wie ein berückender Busby-Berkeley-Revue-Traum über den Wolken; von Cedric Bauer zur Musik von John Adams mit hinreißender Eleganz und Poesie getanzt, als würde er einen Luftgeist liebkosen. Prädikat: macht glücklich!

Aus dunklen Gefilden ans Licht

„Ryu Boku“ dagegen taucht in düstere Gefilde ein, oder besser: Es steigt daraus empor. Denn das Duo Kitsune And The Burning Violin (Butho-Tanz: Tamara Pitzer, Musik: Ruben Mesado Estrada) illustriert die Metamorphosen eines Stücks angeschwemmten Treibholzes, das zum Leben erwacht und sich in einem mikroskopischen Transformationsprozess verändert; körperquälend langsam, urgewaltig – und großartig.

In einer ähnlichen Ausgangslage finden wir in „(In)endlichkeit“ auch Tänzerin und Choreographin Lisa Bless wieder: Haupt und Extremitäten zunächst in kreatürlicher Bewegungsweise dem Boden verhaftet, um schließlich zur Sprache zu finden und sich den Übergang in eine andere Welt und Person zu ertanzen: eine kraftvoll-intensive Performance. „(In)endlichkeit“ ist das einzige Stück, das nicht hier uraufgeführt wird, sondern erstmals Ende Juni in Portugal zu sehen war.

Den Abschluss bildet „Why sit when you can play?“: Die Choreographie von Brian McNeal, ehemals Ballettmitglied des Mannheimer Nationaltheaters, für fünf Tänzer (Amelia Eisen, Rebecca Häusler, Veronika Kornova-Cardizzaro, Kirill Berezovski und Pascal Sangl) und vier Hocker ist gleichsam eine „Reise nach Jerusalem“-Spielvariation voller Witz, Verve und tänzerischer Finesse, die ihre Gäste in überaus beschwingter Stimmung entlässt.