Kultur

Kultur im Wohnzimmer Wenn das öffentliche Leben Pause macht, schlägt die Stunde der Literatur – ein Plädoyer für Klassiker

Wo der Mensch an Grenzen stößt

Archivartikel

Wenn dem öffentlichen Kulturleben eine Zwangspause verordnet wird, findet Kultur eben zu Hause statt. Elektronische Medien machen manches möglich, aber für einen großen Teil der Kunst und Kultur sind sie gar nicht nötig. Wie wäre es jetzt mal wieder mit ausgedehnten Lesenachmittagen oder -abenden, ganz klassisch mit gedruckten Büchern?

Dass man zu wenig zum Lesen komme – diese oft geführte Klage könnte nun ebenfalls Pause machen. Und da nicht klar ist, wie lange die öffentliche Ruhephase dauert, empfehlen wir sicherheitshalber ein paar dickere Bücher, an denen man länger zu lesen hat. Über ihre Nachwirkung für den Lesenden muss man da noch nicht mal reden, sie ist aber gleichfalls beträchtlich. Als Bücher fürs Leben können sie gelten, weil sie durchaus größere Zusammenhänge in den Blick nehmen und weil sie, auch wenn die Frage eines Literaturkanons heute eher unzeitgemäß wirkt, zu den Werken zählen, die man vielleicht wirklich gelesen haben sollte.

Beginnen wir mit einem absoluten Klassiker, mit dem größten Roman des Barockzeitalters und vielleicht der Literatur überhaupt: „Don Quijote“ von Miguel de Cervantes Saavedra – wer ihn schon kennt, mag ebenfalls auf Barockes zurückgreifen, auf den „Abenteuerlichen Simplicissimus“ von Johann Jakob Christofel von Grimmelshausen, der gewiss ebenfalls lebensprall ausgefallen ist; oder aber man greift erneut zum Cervantes, weil der gewiss auch eine zweite Lektüre lohnt.

„Don Quijote“ also: Anfang des 17. Jahrhunderts publiziert, ist seine Handlung wohl zumindest in groben Zügen noch bekannt; ein schon älterer Adliger hat derart viele der damals beliebten Ritterromane gelesen, dass er sich selbst für einen edlen Ritter hält und in völliger Verkennung seiner Zeit und Lage auf einem alten Pferd davonreitet, um Gutes zu tun und Heldentaten zu vollbringen. Als Knappen engagiert er einen armen Bauern namens Sancho Pansa, der ihn auf einem Esel begleitet.

Furchtlos gibt sich der Ritter, zum Hasenfuß tendiert sein Knappe, der sich ansonsten vor allem darum sorgt, dass er genug zu essen und trinken bekommt und sich ein bequemes Nachtlager findet. Der Ritter hingegen ist zu allen Opfern bereit.

Buch mit satirischen Zügen

Eine einfache Schenke hält er für ein Schloss, Windmühlen sieht er als gefährliche Riesen an, denen er mit seiner Lanze zu Leibe rückt. Dabei ist dieser dürre Ritter durchaus auch scharfsinnig, während sein Knappe, obgleich recht naiv, ein gehöriges Maß an praktischer Vernunft mitbringt. Der große und großartige Roman ist nicht zuletzt auch sehr unterhaltsam; die Erfindungsgabe seines Autors, der immer wieder neue Erzählungen und Erfahrungsberichte in seine Haupthandlung einstreut, verblüfft bis heute.

Das Buch hat satirische Züge, aber lachhaft sind die Hauptfiguren nicht; vielmehr rühren sie ihre Leser immer wieder zu echter Teilnahme und Mitgefühl. Die Romantiker sahen im „Don Quijote“ den zeitlosen Gegensatz von Idealismus und Realismus gestaltet, aber ganz eindeutig ist es hier nicht immer, wer fürs Eine oder für Anderes einsteht. Der Ritter verkennt nicht nur seine Lage. Er handelt auch deshalb so merkwürdig, weil er sich nicht zufrieden geben will mit einer Welt, die vor allem nach Bequemlichkeit und einträglichem Wirtschaften strebt. Darin zeigt sich dann die tatsächliche Zeitlosigkeit dieses Buches, das mit größtem Recht als ein Klassiker der Weltliteratur gilt.

Dieses Prädikat wird auch einem amerikanischen Roman des 19. Jahrhunderts zugeschrieben, der allerdings mit weniger Witz und Kurzweil punkten kann, dafür eher unmissverständlichen Ernst aufbietet. Dabei mag indes auch „Moby Dick“ von Herman Melville bei oberflächlicher Betrachtung zu einer Fehleinschätzung veranlassen, nämlich dass es sich um eine ausführliche Abenteuererzählung handelte. Tatsächlich ist der Autor selbst zur See gefahren, war Matrose auf Kriegsschiffen und Walfängern, was ihn bis in die Südsee führte.

Aus solchen Erfahrungen schöpft sein Roman durchaus. Die fanatische, Verderben bringende Jagd des Kapitän Ahab auf einen großen weißen Pottwal, von der das Buch erzählt, ist aber natürlich noch viel mehr. Nicht umsonst wimmelt es hier von biblischen Namen und Anspielungen. Menschlicher Hochmut und Vermessenheit ist ein Thema, das Auflehnen gegen Naturmacht und Schicksal. Dass sich dieses nicht bezwingen lässt, der Mensch zwar Grenzen immer weiter verschiebt, er aber immer wieder auch an neue stößt, könnte gerade heute erneut zu denken geben. Und da macht es keinen Unterschied, ob man sich darüber draußen oder im Wohnzimmer seine Gedanken macht.

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