Kultur

„Tanz! Heilbronn“ Festival mit Willi Dorners „fitting – city trail“ in der Innenstadt der Neckarmetropole eröffnet

Wohin mit dem Brett vor dem Kopf?

Archivartikel

Eine Häuserecke, ein Regenrohr, ein Zigarettenautomat – ein Weggucker, stünde zwischen Hauswand und Automat nicht ein senkrechtes Brett, unten gestützt von der Wand, oben vom Automaten, ergibt sich durch die leichte Schräge am oberen Teil des Bretts eine Lücke, gerade groß genug, dass sich ein Mensch, zusammengerollt wie ein Embryo, da hinein zwängen kann. Wenige Schritte weiter in Heilbronns zentraler Einkaufsstraße stecken im Zwischenraum eines Postkastens und eines Hotspots zwei Bretter senkrecht in die Luft. Sie bilden ein „V“, darin klemmt kopfüber eine Frau, buchstäblich in der Klemme. Knapp drei Dutzend Neugierige beobachten, fotografieren und beklatschen diese sonderbaren Spektakel. Des Rätsels Lösung: Die Compagnie Willi Dorner ist in der Stadt. Zum Auftakt des Festivals „Tanz!Heilbronn“ geben die Performer des österreichischen Choreografen Willi Dorner eine Gratis-Kostprobe ihrer speziellen, weil urbanen Körperkunst mit dem Titel „fitting – city trail“.

Passanten staunen

Bereits 2011 hatte Dorners Performance „Bodies in urban spaces“ Passanten ins Staunen versetzt. Damals hatte das Ensemble in bunten Trainingsklamotten Bänke belagert, in Nischen gesteckt und sich auf Treppen gestapelt.

Temporäre Interventionen, mit irritierenden Nutzungsmöglichkeiten des öffentlichen Raums, sie konfrontieren, regen zum Verweilen und Nachdenken an. Jetzt hat Dorner das Brett, ungefähr in der Größe einer Bierbank, als neues Element entdeckt.

„Ich habe in verschiedenen Räumen gearbeitet, wobei mich das Bewegungsverhalten, aber auch die dahinter stehende ökonomische Bedeutung des Raums interessierte. Neben ‚bodies in urban spaces’, das am populärsten ist, arbeite ich auch an anderen Projekten, die sehr spezifisch auf die Architektur hin angelegt sind, weil mich die dahinter steckende Ordnung interessiert.

Mit ihren Gebäuden produzieren Architekten immer auch Ordnungen, das heißt, sie entscheiden für uns, wie wir gehen können, wie wir uns begegnen können, wie wir kommunizieren können. Das ist für mich die große Leitlinie“, erläutert Dorner sein Konzept.

Das Motto des Tanz-Festivals lautet in diesem Jahr „un/angepasst“. Es geht um das Verhältnis von Individuum und Gruppe. Wie viel Unangepasstheit erlaubt, wie viel Konformität fordert eine Gesellschaft, beziehungsweise ihre Architektur? Das englische Verb „to fit“ eröffnet diverse Bedeutungen, von passen, anpassen bis einbauen oder entsprechen. Dorner hat das Brett vor dem Kopf demontiert. Fit wie sie sind, bauen seine Performer damit neue Körperskulpturen.