Kultur

Filmfestival II Sehenswertes von einem späten Debütanten

Wohlfühlen im kalten Island

Für ein neues Leben, ja fürs Leben überhaupt ist es nie zu spät - erst recht, wenn man erst Anfang vierzig oder um die 50 ist. Die muntere Tragikomödie "When You Least Expect It" (Wenn du es am wenigsten erwartest) lässt daran keinen Zweifel - auch wenn diese estnisch-isländische Koproduktion, die im Wettbewerb des Festivals läuft, mit einer starken Irritation der weiblichen Hauptfigur beginnt und diese Irritation am Schluss noch nicht restlos ausgeräumt ist. Was dazwischen auch in formaler Hinsicht originell erzählt wird, sollte die Beteiligten durchaus offen für Neues stimmen.

Mit einem Kater erwacht Viivi am Morgen, neben ihr liegt ein fremder nackter Mann - zugegeben, das klingt nach (filmischem) Klischee; ein wenig anders ist es deshalb, weil die zwei noch nie in einer entsprechenden Situation waren und eigentlich überhaupt mit dem anderen Geschlecht nicht viel Berührung haben. Viivi, so erfährt man, wenn aus ihrer Perspektive nun die Vorgeschichte der Ausgangssituation erzählt wird, ist eine freudlose Apothekerin in Island. Die Miene der blonden, nicht unattraktiven Frau, macht das schnell klar. Ihre Schulterschmerzen lassen sie zudem spüren, dass sie nicht jünger wird.

Er kennt nur Arbeit

Gut, dass es da die etwa gleichaltrige lebensfrohe Kollegin Maret gibt. Ohne sie wäre Viivi gewiss nicht in die Bar "Misericordia" - Barmherzigkeit! - geraten, hätte sich dort nicht in heitere Stimmung getrunken und auch nicht Andres getroffen. Starker Schnitt: Jetzt kommt Andres' Geschichte, auch er ein Trauerkloß, der bis zu ihrem Tod bei seiner Mutter lebte. Nein sagen, das kann er nicht, er kennt deshalb nur Arbeit (und Bier). Als die Mutter stirbt, will er erstmal Urlaub machen, kommt aber nicht weit - und geht wie so oft ins "Misericordia". . .

Klarer Fall, ein Wohlfühlfilm ist das, munter und unkonventionell erzählt ist er aber, den das Festival als internationale Premiere zeigt, und unterhält mit viel Situationskomik und Dialogwitz. Gut auf das Festival passt er, weil er das Leben feiert. Sein Regisseur, Mart Kivastik aus Estland, beweist übrigens auch an sich selbst, dass es nie zu spät ist für etwas Neues. Der 54-Jährige ist eigentlich Autor, erst vor fünf Jahren debütierte er als Spielfilmregisseur und hat nun seine zweite Inszenierung realisiert.

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