Kultur

Clingenburger Festspiele Begeisterung und viele Lacher bei der Premiere des Kinderstücks

Wünsch dir das Leben schöner mit Sams

Archivartikel

„Das Sams“ nach dem Buch von Paul Maar, das am kürzlich Premiere auf der Clingenburg feierte, ist ein Wesen, das unberechenbar ist und wild – und die Menschen, die mit ihm in Kontakt kommen, immer aufs Neue herausfordert. Ein wenig kann man das mit dem Wetter vergleichen, das beim Freilicht-Theater immer eine Unwägbarkeit darstellt. Auch an diesem Tag scheint der Regen kein Ende nehmen zu wollen, bis dann um kurz vor 15 Uhr die Sonne herauskommt und den kleinen und großen Zuschauern eine kurzweilige und äußerst witzige Premiere bei angenehmen Temperaturen und vor allem im Trockenen beschert.

Herr Taschenbier (Wolfgang Erkwoh) ist ein ziemlich spießiger Mensch, der seine Tage nach festgefahrenen Gewohnheiten lebt, seinen Anzug penibel mit dem Fusselrasierer bearbeitet und vor seiner cholerischen Vermieterin Frau Rotkohl (Maika Troscheit ist im wahrsten Sinne des Wortes „brüllend“ komisch) und seinem strengen Chef Herr Oberstein (Rüdiger Rollmann) buckelt.

Eine verrückte Woche

Doch dann erlebt er diese verrückte Woche, als am Sonntag die Sonne schien, am Montag Herr Mon kam, er am Dienstag Dienst hatte, am Mittwoch die Mitte der Woche war, es am Donnerstag donnerte und er am Freitag frei hatte. Wer, wenn nicht Herr Taschenbier kann nach dieser Woche erkennen, was das für ein sonderbares Wesen ist, das plötzlich auf der Straße steht und von Passanten argwöhnisch begutachtet wird. Da das Wesen an einem Samstag aufgetaucht ist, muss es ein Sams sein. Das Sams ist begeistert, erklärt Herrn Taschenbier sofort zu seinem „Papa“ und zieht bei ihm ein – natürlich hinter dem Rücken von Frau Rotkohl.

Alexandra Kurzeja, die auf der Clingenburg schon als „Kleine Hexe“ brillierte, sprüht als Sams von der ersten bis zur letzten Szene nur so vor Witz und Energie. Sie ist so komisch und liebenswert-nervig, dass sich wohl so mancher kleine Zuschauer sofort ein Sams an seine Seite gewünscht hat.

Schließlich hat das große Vorteile: Denn die blauen Punkte, die das Sams im Gesicht hat, sind nicht etwa Sommersprossen, sondern Wunschpunkte. Doch leider verschwindet mit jedem Wunsch ein Punkt und irgendwann sind alle aufgebraucht.

Bis Herr Taschenbier das bemerkt, dauert es allerdings eine ganze Weile. In der Zeit kommt „Papa“ von einer peinlichen und skurrilen Situation in die Nächste.

Egal, ob im vor den Augen der staunenden Zuschauer blitzschnell aufgebauten Kaufhaus (Bühnenbild und Kostüme: Esther Bätschmann), wo das Sams vor den entsetzten Verkäufern (Pascal Thomas, Erika Simon) einen Anzug nach dem anderen beim Ausatmen platzen lässt, eine Lederhose anknabbert und schließlich im vom Abteilungsleiter (Rüdiger Hellmann) höchstpersönlich verkauften Taucheranzug abdampft. Oder im Büro, wo Herr Oberstein (ebenfalls Rüdiger Hellmann) am Ende sogar in die Nervenklinik abtransportiert wird.

Das sorgt nicht nur beim Publikum für viele Lacher, auch bei Herrn Taschenbier scheint sich etwas zu verändern. Denn mit jeder dieser ungewohnten Situationen wird er entspannter, sieht den unabsehbaren Folgen schließlich gelassen entgegen und begehrt sogar gegen seine herrische Vermieterin Frau Rotkohl auf. „Du hast viel zu viel Angst“, sagt das Sams an einer Stelle des Stücks zu Herrn Taschenbier und spricht damit nicht nur seinen Papa an. Denn steckt nicht in fast jedem ein Herr Taschenbier?

Der macht sich lieber Sorgen darum, was Frau Rotkohl denken könnte, statt den freien Tag im Bett zu verbringen, wie er eigentlich wollte. Der tagtäglich brav seinen Dienst antritt, obwohl ihn sein Chef nicht gerade freundlich behandelt. Und der schließlich dank Sams erkennt, dass all dies nicht so wichtig war, wie er immer dachte. Als das sonderbare Wesen, das er am Anfang am liebsten gleich wieder loswerden wollte, nach einer Woche verschwindet, wünscht sich Herr Taschenbier nichts sehnlicher, als die rothaarige Nervensäge zurück.

Regisseur Wolfgang Hofmann (seit diesem Jahr Intendant der Clingenburg Festspiele) hat „Das Sams“ bis in die Nebenrollen hinein brillant besetzt. Der den Besuchern der Festspiele seit vielen Jahren bekannte Werner Wulz zeigt einmal mehr seine Wandlungsfähigkeit als Kunde im Kaufhaus oder in der unglaublich komischen Szene in der Schule als Lehrer Groll.

Maika Troscheit sticht in ihrer Rolle als böse Vermieterin Frau Rotkohl ganz besonders hervor. Vor allem, als sie wegen eines Wunsches immer das Gegenteil dessen sagen muss, was sie eigentlich will. Bei diesen herausgebrüllten Freundlichkeiten gegenüber Herrn Taschenbier können sich die Zuschauer kaum auf ihren Sitzen halten vor Lachen.

Die Fäden in der Hand

Doch die Fäden in der Hand hält Erzähler István Vincze, der in jeder Szene wie zufällig anwesend ist, sich unter die Kaufhauskunden oder Schüler (Pascal Thomas, Erika Simon) mischt und wie selbstverständlich in Herrn Taschenbiers kleinem Zimmer Platz nimmt.

Immer wieder bricht er durch Interaktionen mit den Darstellern die lineare Abfolge seiner Erzählung auf, isst Frau Rosenkohls Mittagessen oder motzt über den plötzlich faulenzenden Herrn Taschenbier und erzeugt so ein Gefühl der Nähe bei den Zuschauern.

Wie im Fluge vergeht deswegen die Stunde vor der Naturbühne, und am Ende zollen die begeisterten Zuschauer den Darstellern mit Beifall, der im Stehen gespendet wurde, einen donnernden Applaus für diese überaus gelungene Premiere.

Das Sams treibt noch insgesamt 16 Mal sein „Unwesen“ auf der Burgruine. Letzte Vorstellung ist am 4. August um 15 Uhr.

Weitere Informationen können Interessierte auf der Homepage www.clingenburg-festspiele.de nachlesen.