Kultur

Lesung Musikalisch-literarischer „Remix“ im Theaterhaus G7

Wundersame Wortschöpfungen

Archivartikel

Mit tiefer, schwerlidriger, fast etwas knurriger Würde streicht der Kontrabass um Jo Schmitts Worte: „In der Kanzlei jedoch übt Gregor auf der Tuba immer noch den Tango für sein Blasorchester“, deklamiert jener, mit zunehmend ins Ungeduldige treibender Stimme. „Und der Bademeister schaut vorbei und sagt, dass du geschmeidig bloß so wehleidig wie am Gaumen Gänsehaut“, fährt er im Foyer des Mannheimer Theaterhauses G7 fort, wo der Schauspieler und der Kontrabassist Johannes Frisch unter dem Titel „remix: schmitt/frisch/müller“ eine musikalische Lesung bestreiten.

Die hier von Schmitt rezitierten Verse voller wundersamer Wortneuschöpfungen („Hutschachtelgebirge“, „eidechsig zart“) formen sich zu kleinen Fantasiegeschichten und surreal-poetischen Textminiaturen. Sie alle entstammen Herta Müllers Collagen-Buch „Die blassen Herren mit den Mokkatassen“, 2005 von der späteren Literaturnobelpreisträgerin veröffentlicht, die darin aus Zeitungsausschnitten und Bildern Gedichte zusammensetzte und sich damit in die Cut-up-Tradition von Künstlern wie Tristan Tzara, Hans Arp, Beatnik-Kollege William S. Burroughs oder – eingedenk der musikalischen Komponente des Abends – auch David Bowie stellte.

Daumenklavier im Einsatz

Der Abend ist Teil der „Remix“-Reihe, die das Theater in Zusammenarbeit mit dem Kulturamt der Stadt veranstaltet, und in der die Schnittstellen zwischen Musik, Text und Performance erforscht werden sollen. Das geschieht hier in enger künstlerischer Verzahnung.

Frischs Spiel changiert zwischen narrativen Melodiebögen, pointierter Rhythmik und experimenteller Klangmalerei – nicht nur am Bass, sondern auch am Daumenklavier, an der Melodica und der Maultrommel. Schmitt gibt sich fahrig, zögerlich, auffahrend, dramatisch bewegt, macht sich die fiebernd zu erwartenden Wendungen ins Ungewisse mit großer Ernsthaftigkeit und Akkuratesse zu eigen. Ein feiner Kleinkunstabend, „Der Rest ist gute Nacht“, wie es in einer Textstelle treffend formuliert ist.

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