Kultur

Jagoda Marinics Corona-Tagebuch (mit Audio)

Wut und Generalverdacht

Archivartikel

Liebes Corona Tagebuch,

liebe Leserinnen und Leser,

gestern wurde bei Maybrit Illner über Stuttgart getalkt und diese Sendung war ein Beispiel, wie es Menschen ergeht, die eigene Rassismus-Erfahrungen gemacht haben, wenn sie auf einen Politiker wie Wolfgang Bosbach treffen. Es wird hier nicht um Stuttgart gehen, sondern um das alte Thema: Erkennt einer wie Bosbach die jahrzehntelangen Missstände an? Oder möchte er Menschen, die Morddrohungen erhalten, dastehen lassen wie Hysteriker in Verfolgungswahn?

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Wolfgang Bosbach ist eigentlich der Lieblingstalkgast von Markus Lanz, er gilt in diesem Land als strammer Konservativer. Er sitzt bei Illner in einer Runde mit der Kabarettistin Idil Baydar, die gegen seinen geballten Unwillen anreden soll, ihre Perspektiven und Erfahrungswelt überhaupt ernst zu nehmen.

Idil Baydar hielt zuletzt die „Möllner Rede im Exil“. Die Rede erinnert an die Opfer von Mölln, Hoyerswerda und Solingen. Vier Jahre lang hielt man es in Mölln aus, der Taten offiziell zu gedenken. Dann sah die Stadt Mölln keine Notwendigkeit mehr, die Hinterbliebenen selbst die Redner aussuchen zu lassen. Jedes Jahr findet diese Rede seither an einem anderen Ort statt, letztes Jahr in Frankfurt. Allein diese kleine Anekdote ist so beschämend in einem Land, in dem landauf, landab die Bedeutung von Erinnerungskultur und Gedenken beschworen wird. Nach vier Jahren zwingt Mölln die Hinterbliebenen rassistischer Morde ins Exil.

Als bekannt wurde, dass Idil Baydar 2019 in Frankfurt die Möllner Rede im Exil halten würde, erhielt sie rassistische Morddrohungen. Die Veranstaltung fand unter Polizeischutz statt. Sie hält eine berührende Rede, ein wichtiger Satz fällt dabei: „Ich habe Angst, ja. Aber ich habe auch Wut.“ Mit dieser Wut saß sie diese Woche bei Illner und traf auf die vermeintlich deutsche Sachlichkeit. Man hat ja an Seehofer gesehen, wie sachlich es hier zugeht. Ich finde Deutsche viel emotionsgeladener als ihr sachlicher Ruf. Im Guten wie im Schlechten. Aber wenn eine Frau mit Rassismus-Erfahrungen und Morddrohungen wütend wird, dann wird ihr das hier gerne als Schwäche ausgelegt. Sie senke das Niveau des Gesprächs, sagte Bosbach, ohne zu hinterfragen, auf welchem Niveau er selbst spricht, wenn er allen Ernstes die polizeiliche Leistung bei der Aufdeckung der NSU-Morde noch loben möchte. Unvergleichliches Morden brachte der NSU zehn Jahre lang über Deutschland und Europa, aber Bosbach möchte das Selbstverständliche gelobt sehen: Schließlich, am Ende, wurde in die richtige Richtung ermittelt. Von den geschredderten Akten sagte er nichts.

Niemand möchte der Polizei mit einem Generalverdacht begegnen, schlicht weil jeder Bürger bei Verstand weiß, dass sie das Gewaltmonopol deshalb hat, um Bürgerinnen und Bürger zu schützen. Wie groß die Enttäuschung ist, wenn das nicht geschieht, zeigt die berechtige Wut von Idil Baydar. Özdemir, der diese vermeintlich sachlichen Debatten gewohnt ist und viel ruhiger wütet, aber nicht weniger klar, sagt zu Bosbach: „Es kann nicht sein, dass du die Uniform unseres Landes trägst und Reichsbürger bist.“ Ich liebe die Art, wie Cem Özdemir „Wir“ sagt. Trotz allem. Mit dieser Klarheit stützt er Baydars Wut. Nur einer wie Bosbach wird seinen Generalverdacht gegen alle, die auch in der Polizei eine Aufarbeitung von möglichem Rassismus wünschen, nicht ablegen. Bleiben Sie gesund!

Jagoda Marinic

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