Kultur

Journal Die Kunst ist nicht tot, im Gegenteil: Sie liefert in populistischen Zeiten besonders lebendig Diagnosen und Proteste

Zeichen der Hoffnung

Die Kunst lebt. Sie hat einiges zu bieten und dabei tut sie viel dafür, die Menschen von der populistischen Schwermut zu befreien. In Anbetracht eines geldgeilen Kunstmarktes und einer Kleinzahl von Experten verfällt man allerdings schnell dem Urteil, dass es eine Kluft gibt zwischen den wenigen zahlungskräftigen Kunden und den kuratierten Nischenausstellungen. Das steigert natürlich das Gefühl, die Kunst sei an ihr Ende gekommen. Doch wer sich diesem Urteil allzu schnell hingibt, übersieht die hoffnungsvollen Lichter mitten im globalen Geschehen. Der postmodernen Diagnose von einer totgesagten Kunst steht eine lebendige Kunstwelt entgegen: kein Ende der Kunst im postfaktischen Dschungel der Populismen!

Es war eine mediale Umkodierung, als am Vorabend der heiteren Gelassenheit so manch eines Pegida-Anhängers der deutsch-syrische Künstler Manaf Halbouni seine Busskulptur auf dem Platz der Frauenkirche in Dresden aufstellen ließ. Sein Werk "Monument" war nicht nur ein wichtiges Symbol für das Leid der Flüchtlinge auf dem Weg in unsere heile Welt, sondern öffnete mitten in der düsteren Stimmung endlich die mediale Sackgasse der Dresdener Tagesthemen.

Endlich gab es auch ein echtes Zeichen, eines, das Brücken baute zwischen den Menschen, der Presse und den Zeitläuften. Es bedarf allerdings nicht immer der lauten Inszenierungen, um die Populismen und Stereotypen aus ihren Einbahnstraßen zu führen.

Friedenssymbole auf Arabisch

Auch im Kleinen mischen sich die gegen stereotype Weltansichten gerichteten Kunstprojekte in das Gedächtnis der Menschen ein. Mit ihren Aufdrucken für Shirts, Taschen oder Rucksäcke schleicht sich die in Deutschland lebende türkische Modedesignerin Ayzit Bostan dort ein, wo es Veränderungen braucht: im Alttag. Sie übersetzte etwa die berühmte Liedzeile "Imagine Peace" von Yoko Ono und John Lennon in arabische Schriftzeichen und bietet sie zum freien Download, um T-Shirts oder dergleichen zu bedrucken. Damit stellt sie der Omnipräsenz der westlichen Schrift auf unseren Bekleidungsstücken ein zunächst verstörendes Statement entgegen, das mit dem Satz "Stell Dir vor, es wäre Frieden" so entwaffnend wie liebevoll unsere Vorbehalte gegenüber arabischen Schriftzügen angeht.

Es sind genau diese Versatzstücke an der Grenze des Gewohnten und Ungeahnten, die doch einen zauberhaften Blickwechsel bewirken können. So auch der "Flower Thrower" des Streetart Künstlers Banksy, der den vermeintlichen Molotowcocktailwerfer in einen Friedensbringer mit Blumen und ein Bild an der Wand in ein geflügeltes Wort verwandelt. Banksy ist ohnehin ein gutes Beispiel für das, was den heutigen Künstler auszeichnet. Er agiert global, führt auf verschiedenen medialen Kanälen Regie über seine Ideen. Künstler sein, das heißt heute: Vermarkter, Manager und Agent in eigener Sache zu sein. Im März eröffnete der bislang anonym gebliebene Künstler sein "The Walled Off Hotel" unmittelbar an der Grenzmauer zwischen Israel und dem Westjordanland, beworben mit der "schlechtesten Aussicht der Welt".

Mit seiner Innenausstattung macht das Hotel die alltägliche Absurdität der israelischen Besatzung erfahrbar. Und genau darin scheinen die heutigen Künstler ihre Aufgabe zu finden. Sie machen etwas erfahrbar und sichtbar, was unlängst alltäglicher Stoff unseres Denkens geworden ist.

Iranischer Feminismus

Gegen stereotype Vorurteile kämpft auch die 1957 im Iran geborene Künstlerin, Fotografin und Filmemacherin Shirin Neshat. Auch sie ist ein Beispiel dafür, dass die Künstler nicht mehr in einem Genre oder einer Gattung beheimatet sind, sondern vielmehr umfängliche Regisseure einer großen zusammenhängenden Aufführung werden. Und so verwundert es auch nicht, dass die oft als Irans "erste Feministin"bezeichnete Künstlerin nun bei den Salzburger Festspielen Verdis "Aida" inszeniert und der Oper eine ganz eigene Wendung gibt. Denn für Shirin Neshat geht es darum zu zeigen, dass die westliche Kultur - wie auch in Verdis Meisterwerk - sich fortwährend als überlegene Kultur darstellt. Die große Aufgabe, diesen Tatsachen ins Auge zu sehen, lässt sich die Kunst nicht nehmen. Vielmehr formieren sich immer weitere Strategien, um in der global verwobenen Welt Sichtbarkeit und Erfahrbarkeit zu erzeugen.

Kontrast zu postfaktischen Thesen

Und auch die Kuratoren der documenta 14 in Athen und Kassel scheint in einen solchen Stil einzustimmen, wenn sie alle künstlerischen Einzelleistungen der Show mit einem politischen Diktum überziehen und in den Dienst ihrer Visionen stellen. Der Kurator wird selbst zum Regisseur einer übergeordneten Aufführung. Er hat damit Mut und Macht, klare Positionen zu beziehen, auch gegen den Unmut Einzelner. Bequem hat es sich die Kunst noch nie gemacht. Vielmehr sucht sie im globalen Theater ihre Orte, um still oder laut ihre Diagnosen, Proteste und Therapien vorzutragen. Und sie hat einige Werkzeuge gefunden, um postfaktischen und populistischen Sackgassen einen Ausweg anzubieten.

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