Kultur

Kunst William Kentridge stellt im Frankfurter Liebieghaus aus / Mehr als 80 Werke des südafrikanischen Künstlers zu sehen

Zeichentrickfilme zwischen antiken Skulpturen

Archivartikel

Der Mensch ist eine sentimentale Maschine. Diese wenig schmeichelhafte Einschätzung stammt von Leo Trotzki, einst zweiter Mann hinter dem russischen Revolutionsführer Lenin. Später wurde er von Stalin verdrängt und ermordet. Trotzkis Ideal eines rein rationalen Menschen greift William Kentridge im Film „O sentimental machine“ von 2015 auf und stellt ihm die unkontrollierten Seiten der menschlichen Psyche gegenüber. Jetzt ist Kentridges Film im Frankfurter Liebieghaus zu sehen, wie 80 weitere seiner Werke inmitten der Skulpturen aus 5000 Jahren, vom alten Ägypten bis zum Klassizismus.

Ein mutiges Experiment von historischer und heutiger Kunst, das vor sechs Jahren schon mit Jeff Koons’ Metallskulpturen gewagt wurde. Spielte Koons damals nur mit den Figuren, so hat Kentridge ganze Arbeit geleistet. Der weiße Südafrikaner hat die Geschichte des Hauses studiert und kennt sich bestens in der Antike aus. Ihn interessiert das 4000 Jahre alte automatische Theater aus Griechenland, die maschinelle Bewegung, die später in der Industrialisierung für rasanten technischen Fortschritt sorgte.

Villa der Stadt überlassen

Ein Nutznießer der Industralisierung war auch Heinrich von Liebieg, der Textilfabriken im nordböhmischen Reichenberg betrieb und sich 1892-96 in Frankfurt eine Villa an den Main bauen ließ. Bei seinem Tod 1904 überließ er die Villa der Stadt zum Vorzugspreis, unter der Bedingung, dass darin ein Museum eingerichtet wird. So ging die städtische Skulpturensammlung ins Liebieghaus und wuchs dank guter Ausstattung rasch weiter. Liebiegs Fabriken aber profitierten von der Sklavenarbeit auf den amerikanischen Baumwollfeldern. Hier schließt sich der Kreis, denn schon Kentridges Großvater und auch seine Eltern verteidigten als Rechtsanwälte die Opfer des Rassismus.

So umfassen Kentridges Zeichnungen, Plastiken, Filme und Installationen die Zeit von der Antike bis zur Apartheid, mit Ausflügen in Wissenschaft, Kunst und Literatur. Die Schau versammelt neuere und ältere Werke, die beim Rundgang durch die alte Villa mit ihren großen Sälen, kleinen Studierstuben und engen Treppen immer wieder für Verblüffung sorgen. Im Mittelaltersaal geht es im Film „O sentimental machine“. Unter anderem mit selbst gezeichneten Zeichentrickfilmen begeisterte der 62-Jährige mehrfach das Publikum auf der Kasseler Documenta. Ohnehin ist Kentridge ein großer Tüftler. Eine Expressokanne hat er für die Schau mechanisch so aufgerüstet, dass sie ein Tänzchen hinlegen und sogar mit den Hüften wackeln kann. Trotz aller Politik bleibt also noch immer Zeit für Spiele mit Maschinen in Bewegung.