Kultur

Das Porträt Die Schauspielerin Margarita Broich ist auch als Fotografin erfolgreich und präsentiert ihren neuen "Tatort" beim Filmfestival

Ziemlich guter Dinge

Irgendwann wollte sie nicht mehr diejenige in der Dunkelkammer sein. Irgendwann wollte sie auch mal dort stehen, wo sie die Menschen fotografierte: auf der Bühne, im Rampenlicht. Als sich die Theaterfotografin Margarita Broich mit Anfang 20 an der Schauspielschule bewarb, glaubte sie eigentlich nicht, auch nur eine geringe Chance zu haben. Der Rest aber ist bekannt: Inzwischen ist Broich als Frankfurter "Tatort"-Kommissarin Millionen von Fernsehzuschauern ein Begriff. Die neue Folge "Fürchte dich" hatte auf dem Filmfestival in Ludwigshafen Premiere.

Im Festivalkino läuft gerade der "Tatort", im Zelt nebenan sitzt Broich, erzählt und lässt sich dabei immer wieder lachend ins Sofa fallen. Ihre gute Laune ist vielleicht so etwas wie ihr Markenzeichen, mit ihr hebt sie auch ihre Tatort-Figur vom mürrischen Ermittler-Rest ab. "Kommissare in Krimis sind oft so grübelnd unglücklich", sagt Broich. "Ich hatte Lust mal jemanden zu spielen, der eigentlich guter Dinge ist."

Es gibt Menschen, die das Glück haben, ihren Beruf als Leidenschaft und nicht als Arbeit zu empfinden. Für Margarita Broich gilt das gleich doppelt: Schauspielerin oder Fotografin - die 57-Jährige will sich nicht entscheiden, was ihr wichtiger ist. Ihre Miete habe sie immer mit der Schauspielerei bezahlt. "Ich konnte meinen Kindern sagen: Ich geh' jetzt spielen, und dann komme ich mit einem Scheck zurück. Das ist doch großartig." Das Fotografieren aber hat sie nie aufgegeben. "Ich fotografiere sowieso ständig. Meine Familie ist wahrscheinlich die bestdokumentierte in Berlin-Wilmersdorf."

Kollegen vor der Linse

Broichs nahbare, offene Art kam ihr bei ihrem bisher wohl wichtigsten Fotoprojekt zugute: Über Jahre hinweg lichtete sie Schauspielerkollegen nach der Vorstellung ab: Christiane Hörbiger und Klaus Maria Brandauer, John Malkovich und Kate Winslet. Der Betrachter blickt in Gesichter der Erschöpfung von Menschen die "ausgespielt" haben. Aber auch in Gesichter von Menschen, die ihren Beruf gegen keinen auf der Welt tauschen würden.

"Ich habe gemerkt, dass das ein besonderer Moment ist, in dem ich meine Kollegen da fotografierte", erklärt Broich. In den meisten Fällen hatte sie zuvor mit ihnen auf der Bühne oder vor der Kamera gestanden. Auch deshalb ließen es die Schauspieler zu, dass sie die intimen Momente festhielt. "Ich kann mir nicht vorstellen, dass ein anderer Fotograf da einfach hätte anklopfen und reinmarschieren können."

Broich hat lange Theater gespielt. Mit Anfang 40 - "kurz vor der Unkündbarkeit" - kündigte sie dann ihren Vertrag als Mitglied des Berliner Ensembles. Von da an wurden auch die Anfragen für Film- und Fernsehrollen plötzlich zahlreicher. Zuerst waren es Nebenrollen. "Prostituierte, Alkoholikerinnen und Bauersfrauen", erzählt Broich und lacht. Mit Mitte 50 - einem Alter, in dem andere Darsteller es schwer haben, noch attraktive Rollen zu bekommen - fragte dann der Hessische Rundfunk an. Seitdem ermittelt sie mit Wolfram Koch als Tatort-Kommissarin.

Der neue Fall, in Ludwigshafen im Rennen um den Publikumspreis, ist ein "Horror-,Tatort'". Die Ermittler werden auf eine harte persönliche Probe gestellt. Für Broich ist es die Arbeit mit ihrem Kollegen und dem ganzen Team, die den großen Spaß am "Tatort" ausmacht: Von den Schauspielkollegen bis zum Beleuchter dreht sie immer wieder mit den gleichen Leuten. "Das ist fast wie ein Ensemble am Theater." Schwierig findet sie es dagegen, sich immer wieder auf neue Regisseure einzulassen. Bisher haben die Frankfurter Ermittler immer mit anderen Regisseuren gedreht. So richtig fühle sie sich mit der "Tatort"-Rolle immer noch nicht "im Sattel", sagt Broich.

Den großen Erfolg der Krimi-Reihe empfinde sie schon fast als "unverschämt: Broichs Lebensgefährte Martin Wuttke - bis 2015 ebenfalls "Tatort"-Kommissar in Leipzig - hat bisher wohl mehr als 450 Mal in Brechts "Der aufhaltsame Aufstieg des Arturo Ui" auf der Bühne gestanden. "Und in dieser ganzen Zeit haben das weniger Menschen im Theater gesehen, als man mit einem einzigen Tatort erreicht."