Kultur

Zwischen Frost und Faszination

Archivartikel

Die Sonnenstrahlen weichen am Premieren-Tag von Rock am Ring fast schon pflichtschuldig Wind und Regen. So manch einer sagt: typisches Eifel-Wetter. Die Wahrheit ist: typisches Rock am Ring-Wetter. Und so ziehen die geistig längst gewappneten Fans mit stählernem Willen auf das Gelände, treten bereits bei den Progressive Metal-Recken in erhabener Masse vor die Bühne – und erwecken damit eine jährliche Faszination erneut zum Leben.

Da mögen die Winde bisweilen noch so blasen: Als Max Gruber mit seinem Indie-Projekt Drangsal auf die Bretter tritt, spielt der Star aus Herxheim dabei ebenso vor treuer Anhängerschaft wie das energische Alternative Metal-Ensemble von Halestorm.

Klima gegen Wille – ein erbitterter Kampf

Ohne Zweifel: Die gefühlt arktischen Temperaturen, mit denen die Regentropfen auf stellenweise knapp bekleidete Gäste prasseln, nagt an Sinnen und Körpern gleichermaßen. Doch es scheint, als bräuchte es nur bedingungslos grandiose musikalische Leistungen, um dieses klimatische Manko lässig auszugleichen. Während das Indie-Pop Trio von Welshly Arms trotz grooviger Backing Vocals ebenso hinter seinen Möglichkeiten zurückbleibt, wie die britischen Art-Rocker von Foals, bestechen andere Acts mit einem Bühnenset von famoser Varianz.

Zu allererst sind hier ohne Zweifel Slash und Myles Kennedy zu erwähnen, die auf der großen Volcano-Stage eine Zusammenkunft königlicher Manier abfeiern. Dabei fasziniert nicht allein, dass der Guns ‘N Roses-Gitarrist und der Alter Bridge-Frontmann sich selbst in jeweils glänzender Individual-Form zeigen: Wie sensibel diese beiden Protagonisten des Metal-Genres und bestens aufgelegte „Conspirators“ aufeinander zu achten verstehen, um daraus einen Progressive Metal von melodischer Härte zu formen, ist durch und durch wegweisend.

Die Überraschungen runden ab

Doch es sind auch die unerwarteten Triumphe, die Fans und Festival-Neulinge gleichermaßen für sich einzunehmen verstehen. Zuvorderst darf man hier dem Hardcore-Ensemble von Beartooth gratulieren, das sich nach dem ersten Ring-Gastspiel 2016 ein eigenes Denkmal setzt – aber auch das Co-Headliner-Set der Smashing Pumpkins drängt mit ungewöhnlich gefälligen Klängen nach vorne – und wird dafür mit dem Enthusiasmus der Menge belohnt. Als sicherlich am ungewöhnlichsten darf man den fast schon kultischen Auftritt der Headliner des Abends von Tool beschreiben. Mit Stroboskop-bestrahltem Pentagramm und einem Maynard Keenan, der mit Luzifer-artiger Stachelfrisur auf die Bühne tritt, entfaltet sich der kantige, langatmige Progressive Metal in aller gebotener Wucht – um auch von jüngeren Fans episch gefeiert zu werden. Auch das gehört zu den zeitlosen Gesetzen, die sich am ersten Ring-Abend bewahrheiten: Dass ein fast schon Doom Metal-trunkener Sound ganz plötzlich neue Freunde findet, die ihre neu entdeckte Passion in erlesener Manier zelebrieren. Dass harte Kontraste zwischen dem gefühligen Indie von The 1975 und dem Black Metal von Behemoth den ersten Tag beschließen, ist da nicht weniger als konsequent – und nährt den Hunger auf zwei weitere Festivaltage voll erquicklicher Dissonanz.