Kultur

Schauspiel „Das kunstseidene Mädchen“ zu Gast im Pfalzbau

Zwischen Rap und Weill

Romanadaptionen sind für die Bühne keine leichte Sache, ganz besonders wenn es sich wie bei Irmgard Keuns „Das kunstseidene Mädchen“ um eine Sammlung von Tagebucheinträgen dreht, die einem Bewusstseinsstrom der Protagonistin Doris gleichen. Für das Gelingen einer Adaption gibt es verschiedene Rezepte. Für die Texttreue entschied sich Carsten Golbeck in seiner Inszenierung am Renaissance-Theater Berlin, die nun im Gläsernen Foyer des Ludwigshafener Pfalzbaus gastierte.

Da gibt es auf der Bühne also nur eine: die junge Doris, die uns in der Retrospektive von ihren bewegten letzten Monaten erzählt, in denen sie versuchte, im Berlin der frühen 1930er Jahre ein Glanz zu werden, sich dafür in Männerhände begibt und am Ende auf der Straße landet.

Eine Geschichte mit viel Hoffnung, Erotik und Leid, für die die wunderbare Schauspielerin Antonia Bill im bodenlangen, dreckigen, kunstseidenen Kleid nicht viel mehr hat als einen Kaffeehausstuhl zum Bespielen, ihre bravouröse Mimik und ihre wandlungsfähige Stimme.

Musikalisch begleitet wird sie bei ihrem der Verzweiflung nahen Spiel von Pianist Rainer Bielfeldt. Denn viele der zentralen Romanpassagen überführten Golbeck und Bielfeldt gekonnt und mit Romantext in Chansons, in denen Bill mit tiefer und leicht rauchiger Stimme von Einsamkeit, Alkohol oder unerwartetem Glück singt. All das bewegt sich melodisch irgendwo zwischen Weill, Musical und modernem Sprechgesang.

Makel bei der Handlungsführung

Der Transfer zwischen Alt und Neu, der in der Musik glückt, misslingt jedoch in der Handlungsführung. So verlagert Golbeck Doris’ Erzählungen in einen Wartesaal für ein Vorsingen, in dem Bill mit sichtlichem Gespür für ihre Rolle und damit für das Unpassende das Publikum als ihre Mit-Wartenden anspielen muss. Befremdlich wirkt das im Deutsch der Weimarer Republik zwischen Bills Freudentaumeln und Verzweiflungsschreien mit echten Tränen.

Für ihre großartige Doris erhielt Bill 2016 den Publikumspreis bei der Woche junger Schauspieler in Bensheim, auch das Ludwigshafener Publikum ehrt sie mit viel Beifall.