Kultur

Literatur Turovskis Roman "Der Fall Odile Féret"

Zwischen Sehnsucht und Wahn

Das geregelte Leben Odiles wird von einem ungewöhnlichen Ereignis erschüttert: Sie trifft auf Paul Leduc, der vor neun Jahren in seinem brennenden Haus umgekommenen sein soll. Für alle, auch für die 69-jährige Odile, eine ehemalige Mitschülerin aus der Grundschule, galt er als tot. Schon immer hatte sie ein heimliches Faible für ihn gehabt und nie so richtig an seinen Tod geglaubt. Von diesem Wiedersehen aber würde sie niemandem erzählen, "denn Paul Leduc war ja tot". Das ist die Ausgangslage des neuen Buches von Jan Turovski, "Der Fall Odile Féret".

Der in Bonn lebende Autor, dessen achter Roman nun beim Mannheimer Verlag Andiamo erschienen ist, erweist sich wieder einmal als Meister dunkler Schicksalsstoffe. Er setzt dort an, wo der ebenfalls bei Andiamo 2013 veröffentlichte Band "Der Rücken meines Vaters" endet, dem Untertauchen Leducs. So kann "Der Fall Odile Féret" als dessen Fortsetzung gelesen werden, denn alles spielt sich in der gleichen belgischen Kleinstadt ab und auch Personen von dort tauchen hier auf.

Elektrisierende Wirkung

Odile, das weibliche Pendant zu Leduc, ist wie er gefangen in der eigenen Wahrnehmungswelt, die eine obsessive Unterströmung besitzt. Wie man eine Wunde wieder und wieder berührt, so kreisen die Gedanken der Protagonistin um diesen einen, unwahrscheinlich wirkenden Vorfall. Zunehmend gibt sich Odile, die seit fast zehn Jahren verwitwet ist, auf; sie will nicht mehr sie selbst sein und schlüpft in die Haut der "schlichten, zarten, geheimnisvollen" Marie Le Flem aus Georges Simenons Roman "La Marie du Port", der mit Jean Gabin verfilmt wurde.

Schreibend folgt Turovski diesem Pendeln der alternden Frau zwischen Erinnerungsbildern, lustbesetzten Sehnsüchten, wahnhaften Erklärungsversuchen. Worte, Sätze, die scheinbar Nebensächliches schildern, den Wind auf den Straßen und das Meer, die Häuser, den Schatten, die Dämmerung, führen auf subtile Weise vor, wie sehr alles mit allem zusammenhängt: "Ein paar Fenster blinken, Sonne kam auf. Das rote Laub brannte wie einzelne Herbstlampen in den Bäumen der Avenue de la Gare ..." Seine elektrisierende Wirkung entfaltet der Roman in den dreißig Kapiteln durch den unverwechselbaren Erzählton, in dem der Autor Odiles Spaziergänge, ihr unruhiges Hasten, den zunehmenden Realitätsverlust bis zum erzwungenen Innehalten in einem Heim suggestiv schildert.

Leben, Film, Literatur verschmelzen darin kunstvoll zu einem Gebilde, in dem Wahrheit und Wahn eng beieinander liegen. "Der Fall Odile Féret" ist somit auch ein Roman über die Kraft der Literatur und über das Schreiben sowie eine Reverenz an Georges Simenon, die auch im Titel anklingt.