Ladenburg

Ladenburg SA und SS zerstören die Einrichtung des jüdischen Gotteshauses

13 Täter vor Gericht

Dank der Prozessakten des Mannheimer Landgerichts aus dem Jahr 1949 ist es möglich, die Vorgänge am 10. November 1938 exakt zu rekonstruieren. In seinem Vortrag mit dem Titel „Die Reichspogromnacht in Ladenburg am 10. November 1938“, den er gestern Abend im Domhof gehalten hat, zitiert Jürgen Zieher ausführlich daraus. Doch der Historiker zeichnet auch die verschiedenen Phasen der Ausgrenzung, der Vertreibung und schließlich der Ermordung der jüdischen Ladenburger nach.

Die NS-Presse beschrieb die Exzesse der Reichspogromnacht als spontane Reaktionen der Bevölkerung, die ihrer Empörung über die Ermordung des deutschen Diplomaten Ernst von Rath durch den Juden Herschel Grynszpan Ausdruck geben wollte. „Spontan“ war daran allerdings nichts, sondern es handelt sich um eine gesteuerte Aktion, von NSDAP, SA und SS.

So auch in Ladenburg, wo um 6 Uhr morgens SS-Leute die Inneneinrichtung der Synagoge zerstören. Sie wollen das Gebäude in Brand stecken, schleppen Benzinkanister heran. Erst Hinweise auf die Gefährdung der Altstadt durch ein Feuer bringt sie davon ab. Allerdings besteht SS-Unterscharführer Schöpperle darauf, das Dach abzureißen.

Die SS zieht ab, die SA tritt auf den Plan. Hauptsturmführer Reffert befiehlt, Löcher in das Mauerwerk zu bohren, um die Synagoge zu sprengen. Auch er wird dazu bewegt, mit Rücksicht auf die Nachbargebäude davon Abstand zu nehmen. Dafür verwüsten die SA-Leute und andere Ladenburger Wohnungen, in denen Juden leben. Dabei kommt es auch zu Plünderungen.

Besichtigung gegen Geld

Über die Vorgänge in seiner Wohnung verfasst Sally Rosenfelder, der Kantor der jüdischen Gemeinde, 1948 einen Bericht. Ein Auszug: „Meine Familie, drei Personen, wurde aus der Wohnung vertrieben, die ohnehin nicht mehr bewohnbar war. Die unbeschreibliche Zerstörung des israelitischen Gemeindehauses wurden von den Nazis so sehenswert befunden, dass der Bevölkerung die Besichtigung gegen eine Eintrittsgebühr gestattet wurde.“

Einzelne Ladenburger helfen ihren jüdischen Mitbürgern mit Lebensmitteln aus. Schließlich werden elf jüdische Männer verhaftet und ins Konzentrationslager Dachau gebraucht, das sie nach einigen Wochen verlassen dürfen. Immerhin: Von Verletzten oder gar Toten ist in den Berichten nichts zu lesen.

Nach dem Zweiten Weltkrieg müssen sich 13 Ladenburger für die Taten am 10. November 1938 vor Gericht verantworten. Zehn von ihnen erhalten Haftstrafen zwischen fünf und 21 Monaten, drei werden freigesprochen. SS-Mann Karl Schöpperle haben die Amerikaner wegen seiner Tätigkeit als Kommandant von Außenlagern eines Konzentrationslagers bereits 1948 hingerichtet.

Die demolierte Synagoge verkauft die Gemeinde schon 1939 an ein Ladenburger Ehepaar. Um 1954 wird das Gebäude umgestaltet, 1967 abgebrochen. Nur eine 1976 enthüllte Gedenktafel am einstigen Standort erinnert noch an die Synagoge.

Ein Auszug aus dem Fazit des Vortrags von Zieher: „Als Ergebnis der Judenfeindschaft in dieser Stadt bleibt festzuhalten, dass es den Nationalsozialisten in Ladenburg innerhalb von wenigen Jahren gelang, die Mitglieder einer lebendigen jüdischen Gemeinde auszugrenzen, zu verfolgen, sie ihrer Existenzgrundlage zu berauben und schließlich zu ermorden. Angesichts der jahrzehntelangen Integration der jüdischen Ladenburger in der Stadt, ist die Schnelligkeit dieses Prozesses erschreckend.“

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